Weniger ist mehr – Dipat testet 35 Stunden Woche

In weniger Arbeitszeit dasselbe schaffen – und dabei die Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit steigern. Das Healthcare Start-up Dipat testet in einem Pilotprojekt die 35 Stunden Woche. Ein Interview zum Thema New Work mit Jeanette Baudach, Leiterin Betrieb bei Dipat.

Wie seid Ihr als Unternehmen dazu gekommen die 35 Stunden Woche einzuführen?
Wir versuchen Stück für Stück unsere Zusammenarbeit noch besser zu strukturieren, zu gestalten und gewisse Rahmenbedingungen zu finden. Es ist toll dass unser Team stetig wächst, da ist ein gutes Maß an Organisation gefragt, damit sich alle wohl fühlen. Im Zuge der Konzeption unserer Zusammenarbeit kam unter anderem die Frage auf, ob wir unsere Arbeit statt in 40 Stunden auch in 35 Stunden schaffen können. Ein Grundgedanke dahinter ist es „überflüssige“ Arbeit loszuwerden, die Produktivität zu steigern und die Zufriedenheit zu stärken. Zur Zeit testen wir mit allen Vollzeitbeschäftigten des Teams über einen Zeitrahmen von drei Monaten die 35 Stunden Woche.

Anhand welcher Faktoren werdet ihr nach Beendigung der Testphase beurteilen, ob eine 35 Stunden Woche dauerhaft in Frage kommt?Zusammen im Team haben wir uns bestimmte Kennzahlen und Messwerte überlegt, anhand dessen wir die Veränderungen in unserer Produktivität beurteilen können. Diese Werte sind transparent gestaltet und jederzeit für alle einzusehen. Am Ende der Testphase werden wir schauen, ob dieses Konzept für uns als Unternehmen funktioniert und an welchen Stellen noch Verbesserungsbedarf besteht. Das Ziel ist es aber, die 35 Stunden Woche dauerhaft einzuführen.

Wie gestalten sich die 35 Stunden Wochen bei Dipat?
Es gibt einen groben Rahmen, in dem sich die Mitarbeiter ihre Zeit selber einteilen können. Wichtig ist uns, dass jeder fünf Tage die Woche vor Ort ist. Zusätzlich gibt es Kernarbeitszeiten für die Anwesenheit im Büro, um die Kreativität, die aus der Zusammenarbeit im Team entsteht, nicht verlieren. Wir sind der Meinung, dass die Innovationskraft der Firma in der Zusammenarbeit liegt und nicht darin, dass jeder alleine von zuhause aus arbeitet. Die Konsequenz daraus ist der Ansatz, dass für einen bestimmten Zeitraum alle vor Ort sind und sich jeder darüber hinaus seine Arbeitszeiten frei einteilen kann.

An welchen Stellen im Unternehmen entstehen solche Transformationsprozesse?
Solche Ideen und Prozesse entstehen aus Impulsen, die völlig unterschiedlich entstehen können. Anregungen und Ideen können sowohl von unserer Geschäftsführung oder dem Gründer kommen, aber auch von jedem anderen Teammitglied.

Wie geht Ihr generell mit dem Konzept New Work um? Gibt es weitere Ansätze die verfolgt werden?
Die 35 Stunden Woche ist ein erster Ansatz den wir umsetzen. Wir sind aber natürlich offen für weitere Transformationen und Ideen, was die Strukturen und die Arbeitsweisen angeht. Wichtig ist aber natürlich auch, dass man solche Ansätze auch immer überprüft und auf das eigene Unternehmen und das Team anwendet. Nicht alle Faktoren des New Work Konzeptes sind immer optimal für die eigenen Arbeitsweisen. Zum Beispiel wünscht sich unser Team gar nicht unbedingt die Möglichkeit jeden Tag eine freie Platzwahl zu haben.

Ein anderer Aspekt, den ich eben schon angesprochen habe ist, dass es uns wichtig ist, dass wir nicht alle von unterschiedlichen Orten aus arbeiten und uns einmal in der Woche zu einer Online-Konferenz treffen. Auch diese Entscheidung geht aus den Bedürfnissen des Teams hervor.

Lässt sich schon eine erste Resonanz aus der Testphase ziehen?
Tatsächlich ist das erste Feedback sehr gut. Die Mitarbeiter nehmen das für sich selbst sehr positiv wahr. Sie fühlen sich entspannt und haben nicht das Gefühl, dass sich ihre Produktivität einschränkt. Darauf deuten auch die bisherigen Zahlen hin.

Spannend ist, dass wir im Rahmen dessen überlegt haben, wie wir unsere Meeting Kultur ändern mit dem Entschluss, dass wir sagen: Ab einer bestimmten Zeit finden keine Meetings mehr statt. Denn dies würde die freie Arbeitseinstellung wieder einschränken.

Eine Herausforderung ist, dass wir natürlich merken, dass unsere externen Partner weiterhin in einer 40 Stunden Woche arbeiten. Die Frage ist also: Wie gewährleisten wir die Zusammenarbeiten mit anderen Unternehmen, etwa in der Erreichbarkeit für unsere Partner? Das ist auch langfristig ein sehr spannendes Thema für New Work. Wenn jedes Unternehmen seine Zeiten selber und flexible gestaltet, wie funktioniert dann die Kommunikation und Zusammenarbeit mit externen Partnern? Wichtig ist also auch sich in seiner eigenen Organisation auch nach externen Bedingungen zu richten.

 

Insgesamt arbeiten aktuell zusätzlich zur Geschäftsführung zehn Mitarbeiter bei Dipat, von denen sechs als Vollzeitarbeitnehmer die 35 Stunden Woche testen.

Der Beitrag ist entstanden aus dem Interview mit Jeanette Baudach, Leiterin Betrieb bei Dipat.