Was macht eigentlich ein Interims CFO? Ein Interview mit Dr. Anne Baschus über ihre Arbeit als Finanzexpertin auf Zeit

Anne Baschus Interims CFO
Dr. Anne Baschus ist in der Welt der Zahlen zu Hause. Sie hat sich dazu entschieden Unternehmen bei einem wichtigen Abschnitt zu begleiten und ihnen bei der Finanzplanung unter die Arme zu greifen - als CFO auf Zeit! (Quelle: Investforum Startup Service)

Am Anfang eines Unternehmens stehen die Idee und das Produkt im Vordergrund. Das Gründerteam kümmert sich um alle Bereiche von der Produktentwicklung über den Vertrieb und die Logistik bis hin zum Marketing. Dann beginnt das Startup zu wachsen und damit wachsen auch die finanziellen Herausforderungen. Wie sieht der Finanzplan für die nächsten Monate aus? Wie funktioniert die Buchhaltung und stimmen Umsatz und Gewinn? Je größer das Unternehmen wird, desto mehr Fragen tauchen auf.

Ein Gastbeitrag des Investforum Startup-Service.

Die Zahlen immer im Blick – ein Einblick in die Arbeit eines Interims CFO

Um sich wieder ganz dem Alltagsgeschäft und der Produktentwicklung widmen zu können, ist es ratsam eine/n FinanzexpertIn mit ins Boot zu holen. Doch nicht immer fällt es leicht auf die Schnelle einen geeigneten CFO zur Festanstellung zu finden. Und genau hier kommt der Interims CFO zum Einsatz. Doch was genau macht eigentlich ein Interims CFO? Mit welchen Kosten müssen Wachstumsunternehmen rechnen? Im Interview mit Startup-Mitteldeutschland erzählt uns Dr. Anne Baschus, selbstständige Beraterin und Inhaberin der Forward Consult in Halle, von ihrem Alltag als Interims CFO und ihrer Leidenschaft für die Welt der Zahlen.

Hallo Anne, schön, dass du Zeit für uns gefunden hast. Stell dich doch bitte kurz vor. Wie bist du dazu gekommen als CFO zu arbeiten?

Ich hatte schon immer eine hohe Affinität zu Zahlen. Sie können wie kein anderes Instrument die Wirklichkeit abbilden. Beruflich war ich nach meinem wirtschaftswissenschaftlichen Studium und während der Promotion schon immer in der Beratung tätig und fing zunächst ganz klassisch in einer der Big4 Wirtschaftsprüfungsgesellschaften an. Dort habe ich mein Rüstzeug gelernt und verstanden, dass hinter jeder Zahl eine valide und verlässliche Information bzw. Annahme stecken muss.

Meine zweite Station hat mich in eine Tochtergesellschaft des Bundeswirtschaftsministerium in Berlin geführt, in der sich für mich schnell das Feld Eigenkapitalfinanzierungen und Mergers and Acquisitions (M&A) als persönliche Schwerpunkte in der Beratung herauskristallisiert haben. In dieser Zeit habe ich zahlreiche Veranstaltungen besucht, um mir mein Netzwerk aufzubauen – so auch in meiner Heimatstadt Halle erstmalig den Investforum Pitch-Day.

Ich bin dort mit dem damaligen Geschäftsführer ins Gespräch gekommen und habe ein halbes Jahr später als Beraterin im Projekt Investforum Startup-Service angefangen. Hier habe ich mit Startups Pitch-Decks gebaut, an den Geschäftsmodellen gefeilt und die USPs in Zahlen übersetzt. Die Arbeit mit den Gründern ist inspirierend und herausfordernd und oft ist es mit externer Beratung und Workshops nicht getan. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich ein Stück länger mit den Startups zusammenarbeiten und in dem Prozess der Finanzierung selbst tief involviert sein möchte.

Da habe ich als Inhaberin die Forward Consult gegründet. Der Königsweg war für mich immer ein Teil des Teams zu sein und das Thema Finanzen nah am Team und als Teil des Teams zu bearbeiten – auf Zeit. Mein Bestreben war nie fester CFO zu werden, sondern in einer besonderen Situation unterschiedliche Unternehmen auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen.

Wann kommt ein Interims CFO denn eigentlich zum Einsatz?

Es gibt unterschiedliche Unternehmenssituationen, in denen ein Interims-CFO zum Einsatz kommt. Hierzu muss man verstehen, an welcher Stelle im Unternehmenszyklus ein Unternehmen steckt und was genau in diesem Moment gebraucht wird. Die Einsatzfelder umfassen z. B. eine anstehende Finanzierungsrunde zur Liquiditätssicherung oder eine Finanzierung für Unternehmenswachstum durch die Einführung neuer Produkte oder Märkte. Aber auch bei den Themen Exit oder Restrukturierung kann es sinnvoll sein, einen Interims CFO einzusetzen. 

Der Interims-CFO oder CFO auf Zeit kann im Unternehmen auch unangenehme Entscheidungen umsetzen, die zum Beispiel die Freisetzung von Mitarbeitern betreffen. Da braucht es manchmal jemanden, auf den die Verantwortung abgewälzt werden kann, damit der Frieden und Zusammenhalt zwischen bestehendem Management und der Belegschaft erhalten bleibt: denn letztlich besteht jedes Unternehmen aus Menschen.

Vom Arbeitspensum ist es kein Job, in dem man 9 to 5 arbeitet. Als Interims-CFO wird man schließlich nicht in entspannten Zeiten gerufen, sondern meist dann, wenn sich das Unternehmen in einer besonderen Situation befindet. In einem Finanzierungsprozess ist die Zeit sehr intensiv, lange Tage sind keine Seltenheit. In der heißen Phase können es auch gerne mal 18-Stunden-Tage sein.

Interims-CFO und M&A Berater: Wo ist die Abgrenzung zwischen einem Berater und einem Interims CFO?

Als Interims-CFO ist man Teil des Management-Teams, das muss vertraglich von Anfang an gut aufgesetzt sein. Der CFO verantwortet seinen Bereich selbstständig, besitzt Einblick in Interna und hat Führungsverantwortung. Er überblickt die Liquiditätsplanung, das Rechnungswesen, die Steuern und das Controlling. Dazu gehören auch Reportings nach außen, wie monatliche Reportings für Investoren oder gesetzliche Reportingpflichten gegenüber öffentlichen Stakeholdern. Der Interims CFO ist Teammitglied auf Zeit und übernimmt und leitet das Tagesgeschäft im Bereich der Finanzen. Als Berater ist man zwar auch auf Zeit tätig, aber man ist nicht Teil des Finanz-Teams.

Ab wann brauchen Startups einen CFO?

Es gibt oft den Vergleich zwischen einem Startup als wendigem Schnellboot, bei dem das Machen und die Geschwindigkeit im Vordergrund stehen und einem Konzern als Tanker, der für eine Entscheidungsfindung viele Informationen und vor allem viel Zeit braucht und so nur langsam vorwärtskommt. Gerade am Anfang eines Unternehmens gibt es viele Aufgaben, die ineinandergreifen und wenige Personen, die all diese Aufgaben bewältigen.

Das Thema Finanzen wird zu Beginn oft auch durch einen externen Steuerberater abgedeckt, der dem Management die monatlichen Auswertungen zur Verfügung stellt. Das Thema Interims CFO ist nichts für ein ganz junges Startup. Typischerweise wächst ein erfolgreiches Startup schnell in Bezug auf Umsatz und der Anzahl an Mitarbeitern. Die Organisation innerhalb des Unternehmens wächst eher nachgelagert – die Komplexität nimmt aber stetig zu. Ab einer bestimmten Unternehmensgröße reicht es nicht mehr aus, das Finanzthema durch den externen Steuerberater bearbeiten zu lassen – um ein Unternehmen gut zu steuern, ist die Geschwindigkeit und die Verfügbarkeit steuerungsrelevanter Daten immens wichtig.

Und genau da kommt ein CFO ins Spiel, der bereichsübergreifend die relevanten Unternehmens-KPIs in Zahlen übersetzt. Da braucht es jemanden, der sich fachlich und auch systemseitig mit der Materie auskennt.

Wie lange bist du in der Regel bei einem Wachstumsunternehmen und wie finden du und deine Mandanten zusammen?

Die Dauer des Mandats ist unterschiedlich – je nach Bedarf des Unternehmens. Wenn es z. B. darum geht, eine neue Finanzierungsrunde vorzubereiten, brauche ich mindestens einen Zeithorizont von sechs Monaten. Oft gibt es auch Mandanten, bei denen ich wesentlich länger dabei bin, wie kürzlich bei dem Online-Versandhändler Baby Sweets aus Zöschen.

Hier ging es zunächst um ein klassisches beratendes Mandat, bei dem relevante Unternehmens-KPIs überprüft werden sollten. Der Übergang zum Interims CFO war fließend. Durch das Beratungsmandat hatte ich bereits tiefe Einblicke in die Unternehmensprozesse und wir sind schnell zu einem eingespielten Team zusammengewachsen. So konnten wir die neue Finanzierungsrunde Anfang März erfolgreich durchführen.

Mein längstes Mandat war bei einer IT-Firma in Berlin, hier war ich ca. zwei Jahre tätig. Anfangs ging es um die Umstellung des internen Reportings und den Aufbau eines eigenen Finanzbereichs. Das Fachwissen im Unternehmen hat an dieser Stelle schlicht gefehlt. Nach ca. 1,5 Jahren konnten wir das Unternehmen an einen internationalen Konzern verkaufen und ich durfte den Integrationsprozess für ein weiteres halbes Jahr begleiten. Bisher wurde ich immer empfohlen, meine Akquise läuft über mein Netzwerk. Ich bin seit 2011 in der Venture-Szene, die anfangs noch recht überschaubar war. Inzwischen wächst die Szene spürbar.

Auf welche Probleme stößt du in deiner täglichen Arbeit mit Startups am häufigsten?

Ich nenne es Herausforderungen… Problem klingt immer so negativ! Die größte Herausforderung ist der Informationsfluss im Unternehmen: das Management braucht für die strategischen Entscheidungen alle entscheidungsrelevanten Informationen – und das bereichsübergreifend. Es ist also fatal, wenn entscheidungsrelevante Informationen zwischen den Abteilungen im Unternehmen  verloren gehen.

Ich verstehe den Finanzbereich auch als Servicebereich zwischen den Abteilungen. Hier laufen die Informationen verpackt als Zahlen zusammen. Als Servicedienstleister gilt es, die Kennzahlen geschickt miteinander zu verknüpfen, um zu verstehen, warum Dinge so gut laufen, wie sie laufen oder warum vielleicht nicht. Ein häufiges Feedback meiner Kunden ist, dass nun das Bewusstsein dafür entstanden ist, die Finanzabteilung serviceorientiert zu denken und eben nicht vorwurfsvoll auf die fehlenden Zahlen hinzuweisen.

Es geht darum, das Verständnis für andere Abteilungen zu sensibilisieren, da am Ende alles zusammenläuft. Ich drehe bei meiner Arbeit jeden Stein um und bekomme oft die Rückmeldung: „Wir haben unser Unternehmen jetzt nochmal ganz anders kennengelernt.“

Mit welchen Kosten müssen Unternehmen rechnen bzw. welche Vergütungsmodelle gibt es?

Das Entgelt hängt von der Aufgabe und der Zielstellung ab, da gibt es am Markt bewährte Vergütungsmodelle. Ich biete zum einen die klassische Finanzierungs- und Fördermittelberatung und zum anderen längerfristige Mandate als Interims CFO an. Allgemein gesprochen ist mein Verständnis für meine Arbeit, dass ich Erfolg habe, wenn das Unternehmen Erfolg hat.

Zu einem Fixum kommt daher immer noch ein erfolgsbasiertes, branchenübliches Honorar. Dieses kann entweder monetär oder in Form von Anteilen am Unternehmen sein und muss individuell zum Unternehmen und der Aufgabe passen. Das erste Treffen zum Kennenlernen ist bei mir grundsätzlich kostenfrei, denn das wichtigste für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist die Frage, ob die Chemie stimmt.

Wie du ja bereits kurz erwähnt hast, warst du vor kurzer Zeit als Interims CFO bei Baby Sweets aus Zöschen, die im März eine Anschlussfinanzierung erhalten haben. Inwieweit hast du dabei unterstützt und wie lief die Zusammenarbeit ab?

Zu Baby Sweets bin ich über eine Empfehlung der investierten Gesellschafter gekommen. Am Anfang war es wie gesagt ein klassisches Beratungsthema. Wir haben mittels Kohortenanalyse sehr interessante und spannende KPIs erhalten, die wir in der Unternehmensplanung validieren bzw. neu rechnen konnten. Die datengetriebene Analyse hat zudem auch neue Erkenntnisse ergeben, die das Management in der Planung berücksichtigen konnte. Die Zusammenarbeit war von Anfang an ein sehr vertrauensvolles Miteinander mit offener Kommunikation – die Chemie hat quasi gestimmt.

Baby Sweets Gründer
Die Baby Sweets Gründer Tino Hartmann und Tom Wachsmann haben vor Kurzem mit der Hilfe von Dr. Anne Baschus eine Investitionsrunde erfolgreich abgeschlossen. (Quelle: Baby Sweets GmbH)

Durch das aufgebaute Vertrauen hat sich aus der Beratung so eine Zusammenarbeit als Interims CFO entwickelt. Wir haben einfach einmal Alles anders gedacht und den Blickwinkel variiert. Wie wird ein Kunde angesprochen? Was bestellt er wann? Und wissen wir, warum? Das alles sind Themen, die wir gemeinsam hinterfragt haben, um anhand der Workflows herauszuarbeiten, wie Prozesse optimiert werden können. Die Organisation des Finanzierungsprozesses, die Erstellung der Unterlagen, die Investorenansprache etc. unterlagen meinem Aufgabenbereich, damit die beiden Geschäftsführer das Tagesgeschäft weiterführen können und ihre Zahlen schaffen.

So ein Finanzierungsprozess lebt vom Momentum: bis die Unterschrift des Notars nicht trocken ist, kann alles passieren. Und am Ende hatten wir mit der eng gesteckten Timeline angesichts von Covid-19 auch noch ein bisschen Glück und konnten die Finanzierung noch im März erfolgreich abschließen.

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