Warum Nein-Sager gute Gründer sind

In unserem Startup Alltag prasseln ununterbrochen Probleme und Schwierigkeiten aber auch Chancen und Möglichkeiten in vielen verschiedene Formen auf uns ein. Man hat ständig Treffen mit potentiellen Partnern, Investoren, Pilotkunden, Coaches und Beratern. Diese Gespräche führen wir alle und diese Kontaktpflege gehört gerade in den ersten Phasen deines Startups zu den wichtigsten Aufgaben. Schließlich ist es unerlässlich nicht nur dem eigenen Blick auf die Idee und deren Umsetzung zu vertrauen. Experten hinzuzuziehen, ein Netzwerk aufzubauen und die Realisierbarkeit auf den Prüfstand stellen ist wichtig. Es ist jedoch ein Fehler diese Meinungen anderer über alles andere zu stellen. Hier geschieht vielen Gründern ein entscheidender Fehler: Das Nein sagen.

Vielen ist natürlich bekannt, dass es notwendig ist zu differenzieren und Prioritäten zu setzten. Das kann alles von der Feature Liste einer Software bis hin zu den möglichen Marketingkanälen sein. Die einfachen Fragen: Ist das wirklich wichtig? Bringt uns das unserem Ziel näher? Lohnt es sich hier mehr Zeit zu investieren? Diese müssen ununterbrochen bei jeder noch so kleinen Entscheidung beantwortet werden. Dieses Prinzip trifft genauso auf die Tipps, Ratschläge und Ansichten von Beratern, Coaches und Business Angels zu. Nur gerade hier gelingt es uns oft nicht diese in Frage zu stellen.

Sagen wir, du bist Gründer eines Startups welches ein Set anbietet, mit dem du ein herkömmliches Fahrrad in ein E-Bike umbauen kannst. Durch einen gemeinsamen Kontakt triffst du Dich mit einem Experten, welcher ebenfalls in der Zweiradbranche tätig ist und jahrelange E-Commerce Erfahrung hat. Er rät Dir, deine Ware online zu verkaufen. Seine Argumente klingen schlüssig und es macht alles soweit Sinn also wird der Online Absatz gleich mit eingeplant. Allerdings war dein eigentlicher Plan die Produkte mit Hilfe von Partnern im stationären Einzelhandel zu verkaufen, da das Kit etwas beratungsintesiv ist. Später stellt sich heraus, dein noch kleines Team kann nicht beides stemmen und beides läuft sehr schleppend. Das mag sich evtl. nicht sehr realistisch anhören und etwas übertrieben klingen, läuft aber in der ein oder anderen Form immer wieder so ab.

Trust me – I’m an Expert

Gespräche mit Personen die uns einfach nur helfen möchten, muss man folglich immer mit einer kleinen Prise Salz genießen. Wir müssen den Mut haben auch mal „Nein“ oder „momentan kommt das nicht in Frage“ zu unserem Gegenüber zu sagen und den Rat nicht als die einzig wahre Wahrheit hinzunehmen.

Nicht jeder Experte ist ein Experte

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Mensch – egal ob nun in der Startupszene tätig oder nicht – Wissen hat, welches nützlich für andere ist. Allerdings muss dieses Wissen sich nicht unbedingt mit dem decken, was du als Gründer oder dein Startup gerade braucht.

Oftmals kommt ein Treffen zwischen Gründern und Beratern durch einen gemeinsamen Kontakt zustande. Dieser gemeinsame Freund hat auf den ersten Blick die gleichen Interessen festgestellt, dabei sind diese im Detail eher unterschiedlich. Auch Meetings mit anderen Gründern können trügerisch sein. Founder rühmen sich oft mit Expertenwissen, wenn sie in einem bestimmten Gebiet großen Erfolg hatten. Dass der ultimative growth hack aber nicht zwingend auf das eigene Unternehmen anwendbar ist, ist oft zweitrangig. Dazu kommt, die eigentlichen Absichten der Personen zu hinterfragen. Wer im ersten Termin vielleicht noch beraten will, möchte im nächste dann schon umfassendere Dienstleistungen verkaufen. Noch ein Grund mehr die Themen im ersten Meeting zu hinterfragen.

Erwartungshaltung kontrollieren

Es ist nachvollziehbar das jeder Unternehmensgründer sein Startup um jeden Preis vorwärts bekommen möchte, welches im Idealfall skalieren soll. Wir sind daher sehr schnell euphorisch, wenn uns andere sagen wie wir schneller mehr Kunden, höheren Umsatz und oder eine höhere Conversion Rate generieren können. Die Chance, dass das eintritt ist aber unter Umständen ganz anders. Dein Startup ist in der Regel nicht mit Unternehmen wie Soundcloud, Zalando oder 6Wunderkinder zu vergleichen. Das heißt nicht, dass man nicht von den Großen lernen kann. Es heißt lediglich, dass du vergleichen musst: Wo steht mein Startup und wo steht derjenige von welchem ich Tipps erhalte.

Kommunikation ist kompliziert

Unterhaltungen sind kompliziert. Der Austausch von Informationen ist kompliziert. Menschen als solche und was sie sagen sind kompliziert. Wir alle kennen das Problem, dass man einfach aneinander vorbeiredet. Oftmals fällt uns das aber gar nicht auf. Nur wenn jemand einem zuhört, heißt das nicht automatisch, dass der Empfänger das auch verstanden hat. Dieser Gesichtspunkt kann in jegliche Interaktionen zwischen zwei Parteien in Betracht gezogen werden. Auch im Fall von Ratschlägen von Coaches, Mentoren und Investoren ist er nicht zu unterschätzen.

Was genau ist das Problem mit dem Ja?

Ich hatte letztes Jahr die Gelegenheit zur INBOUND17 zu gehen, eine der größten Marketing Konferenzen welche jedes Jahr durch das Unternehmen Hubspot organisiert und ausgerichtet wird. Auch dort sprach Hubspot Founder und CEO Brian Halligan in seiner Eröffnungpräsentation von diesem Problem. Das damals noch kleine Hubspot nahm seiner Zeit zu viele Projekte auf und hatte deshalb Schwierigkeiten zu skalieren. Halbfertige Konzepte und zu viele angefangenen Prozesse sind nicht gerade förderlich, wenn man dabei nicht mithalten kann.

© HubSpot Brian Halligan’s einfacher Hack zum Nein sagen

Dieses Hindernis rührt gerade aber daher, dass wir Ideen, Chancen und Möglichkeiten kategorisch meist ein schnelles Ja beimessen. Dabei sollten wir wenige, aber die wirklich richtigen/wichtigen Dinge sehr gut umsetzen. Umsetzung ist immer bedeutender als eine Idee. Neue Projekte und Ideen haben verschiedene Ursprünge. Viele kommen dabei sicherlich von unternehmensexternen Mentoren. Als Gründer hat man selten für viele Startups gearbeitet und viel Erfahrung gesammelt. Da ist es klar, dass man sich Rat von außen holt.

Entscheiden was wirklich wichtig ist

Doch was tun? Vor kurzem saß ich mit einem Teil unseres Teams sehr lange zusammen. Es ging dabei um unseren eigentlich Unternehmenszweck, unsere Mission und was wir alle von Sengi eigentlich erwarten. Wie man sich vorstellen kann, war das für uns alle ein besonderes Anliegen. Doch leider war unsere Zeit an diesem Tag sehr begrenzt, da unser Geschäftsführer Franz einem Event bei Porsche beiwohnen wollte.

Nachdem er gegangen war, kam er allerdings schnell wieder und meinte “Das hier ist gerade sehr viel wichtiger und die Wahrscheinlichkeit, dass ich heute einen wichtigen Kontakt knüpfe ist einfach zu gering”. Sicher könnte man darüber streiten, ob man das Event hätte sausen lassen sollen oder nicht. Aber unser Unternehmen war gerade dabei sich neu auszurichten. Wie also hätte Franz richtig networken sollen, wenn er nicht mal genau die Mission seines eigenen Unternehmens kennt.

Als Gründer denkt man schnell, man müsse zu jedem Event, jede Chance nutzen und so viele Menschen wie möglich kennen lernen. Aber nein! Wir brauchen die richtigen und zu unserer Industrie passende Kontakte, die uns wirklich helfen könnten unser Startup auf die nächste Stufe zu heben.

Es muss ja nicht gleich „Nein, auf keinen Fall“ sein

Unternehmensgründer haben wie gesagt viele Herausforderungen und Angelegenheiten mit welchen sie sich beschäftigen müssen. Man ist eigentlich ununterbrochen am Reagieren, statt sich hin und wieder die Zeit zu nehmen und die Mühe zu machen das bereits getane und geplante zu reflektieren. Hin und wieder die Dinge zu hinterfragen ist meines Erachtens eines der wichtigsten Instrumente, welches leider viel zu wenig genutzt wird. Dies bezieht sich nicht nur auf den Kontakt mit Coaches und Mentoren, sondern auf alle Entscheidungen das Business betreffend.

Frage Dich:

  • Bringt mich die Sache meiner Mission/Vision näher?
  • Kann ich dadurch meine Ziele erfüllen?
  • Hat das eine lang- oder kurzfristige Auswirkung?
  • Wie wahrscheinlich ist ein positiver Outcome?

Wenn wir als Gründer vor großen Herausforderungen und Problemen stehen (und mal ehrlich, das ist eigentlich ununterbrochen so) müssen wir in Betracht ziehen, dass weniger mehr sein kann und dass es nicht effektiv ist, immer wieder neue Baustellen zu eröffnen.

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