Tesvolt: Innen Startup, außen Global Player

TESVOLT Innen Startup

Die Tesvolt GmbH wächst seit der Gründung 2014 rasant. In der Gigafactory des Unternehmens in Lutherstadt Wittenberg entstehen hocheffiziente Batteriespeicher für Gewerbe und Industrie. Um die steigende Nachfrage weltweit bedienen zu können, hat Tesvolt Ende 2021 eine Finanzierungsrunde mit 40 Millionen Euro abgeschlossen. Mit-Gründer Daniel Hannemann erklärt im Interview, wie es zum Investment kam, was mit dem Geld bisher passiert ist und warum sie aktuell Mitarbeitende suchen, die in kein Profil passen.

Ein Gastbeitrag unseres Partners Univations.  

 

Die Bekanntgabe der Finanzierung ist nun wenige Monate alt. Welche konkreten ersten Maßnahmen konntet ihr mit dem frischen Kapital angehen? 

Die Mittel aus der Finanzierungsrunde in Höhe von 40 Mio. Euro wollen wir für drei wesentliche Punkte im Rahmen unserer Wachstumsstrategie nutzen.  Zum einen wollen wir das Geld für unsere Forschung und Entwicklung einsetzen, der zweite Schwerpunkt ist die Internationalisierung des Unternehmens und der dritte Aspekt ist der Aufbau unseres Lagers und die Vorfinanzierung unserer gesamten Wertschöpfungskette. Durch die Corona-Krise, weltweite Lieferengpässe und aktuell den Konflikt in der Ukraine haben wir die Mittel zum Aufbau des Lagers zügig eingesetzt, um unsere Produktion weiterhin sicherstellen zu können. 

Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf Tesvolt?

In den vergangenen Wochen sind ja nicht nur der Erdgas- und Ölpreis explodiert, auch alle Preise für die Rohstoffe, die wir benötigen, sind massiv gestiegen: Lithium, Nickel, Stahl. Da zuvor schon alles just in time produziert wurde, gibt es keinen in unserer Lieferkette, der Lagerbestände hat. Da muss man sofort kaufen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Die hohen Preise werden dabei komplett durchgereicht. Auch wir haben darauf mit Preiserhöhungen reagiert, die allerdings moderat ausfallen. Zudem bemerken wir auch durch die Krise den Anstieg der Nachfrage nach unseren Batteriesystemen. Energie-Autarkie ist ein hohes Gut geworden in der aktuellen Zeit.

Was macht eure Investoren zu den geeigneten Partnern auf dem Weg zur Energiewende?

Wir haben unter anderem mit dem Land Sachsen-Anhalt seit 2017 und nun neu mit der Liechtenstein-Gruppe vor allem nachhaltige Investoren. Die Unternehmensgruppe des Fürstenhauses Liechtenstein hält ihre Investments langfristig und baut sich strategisch ein nachhaltiges Portfolio auf. Die Gruppe hat zum Beispiel viele Solarparks gekauft und investiert in Wind- und Wasserkraft. Man hat erkannt, dass Energiespeicherung der Schlüssel zur Energiewende ist, das macht die Investoren zu idealen, strategischen Partnern. Zudem profitieren wir von wertvollen Kontakten aus dem Netzwerk der Unternehmensgruppe. Wir haben wöchentlich Termine mit anderen Unternehmen aus deren Portfolio, um zu sondieren, wo wir einen Mehrwert für Tesvolt schaffen können.

Was war im Vergleich zur ersten Finanzierungsrunde anders?  

Wir haben uns für diese Finanzierungsrunde etablierte Bankenpartner ins Boot geholt: UBS und die Berenberg Bank. Berenberg hat bereits eine Vielzahl an großen Firmen u.a. bei Finanzierungsrunden begleitet. Zu ihren Kundengehören auch Großkonzerne aus dem Batteriebereich. Sie verfügen dementsprechend über fachliches Know-how.

Und UBS ist eine der größten Investmentbanken Europas. Beide Partner gehören damit der Champions League an. Sie haben den gesamten Finanzierungs-Prozess angestoßen und uns an die Hand genommen – von der Erstellung des Businessplans bis hin zu den Präsentationen. Wir konnten dabei von der hohen Professionalität und der Erfahrung der beiden Partner profitieren. Durch deren Netzwerk haben wir auch Zugang zu unseren Investoren bekommen. 

Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für diese Wachstums-Finanzierung? 

Zum einen, weil die Nachfrage nach umweltfreundlichen Technologien immer stärker wird, durch den Krieg in der Ukraine sogar noch stärker. Viele Investoren haben nach Investments in diesem Bereich gesucht und sich auch direkt bei uns gemeldet. Außerdem wachsen wir im Jahr etwa mit 60 Prozent. In der Folge wurden unsere Investitionssummen immer höher. Wir mussten viel mehr zwischenfinanzieren, um die Nachfrage am Markt zu bedienen. Die Finanzierungsrunde kam uns somit sehr gelegen. Zudem wollen wir ja auch weiter international wachsen in der nächsten Zeit.

Nun ist Nordamerika eines der ausgegebenen Ziele. Was macht diesen Markt für euch interessant?

Wir haben eine große Nachfrage aus den USA. Wir sind spezialisiert für den gewerblichen, industriellen Bereich und dort gibt es fast keine Anbieter in diesem Segment. Es gibt zwar Tesla, mit der Fokussierung auf riesige Anlagen für Energieversorger und kleinere Batteriesysteme für den Einfamilienhausbereich. Das Potential ist im gewerblichen und industriellen Bereich sehr hoch. Daher sehen wir in den USA eine schnelle und hohe Marktentwicklung und eine hohe Akzeptanz für unsere Technologien. 

Wo seht ihr besondere Herausforderungen und wo neue Chancen im Zusammenhang mit dem nordamerikanischen Markt?

Das Land ist viel größer und die Mentalität ist eine andere. Teilweise ticken wir in Deutschland ganz anders, auch was den Vertrieb betrifft. Deswegen müssen wir die richtigen Partner und Mitarbeiter finden, die wissen, wie der Markt dort funktioniert. Unser Partner SMA Solar Technology ist in den USA bereits aktiv und hat entsprechende Vertriebsstrukturen und Services aufgebaut, auf denen wir aufsetzen können. Trotzdem müssen wir uns erstmal überlegen, in welchem Bundesstaat und mit welchen Partnern wir am besten starten. Parallel entwickeln wir unsere Systeme für die sogenannte UL-Zertifizierung weiter. Alle Produkte, die wir verwenden, müssen nach amerikanischen Standards zertifiziert sein und am besten auch in Amerika hergestellt worden sein. 

Gigafactory goes USA oder wie darf man sich das vorstellen?

Am Anfang sicher noch nicht, aber die Produktion vor Ort ist ein Ziel, allein aufgrund der hohen Importzölle. Bei den momentanen Logistik-Preisen wäre eine kleine dezentrale Fertigung der günstigere Weg.

Ihr setzt euch mit Wasserstoff auseinander, seid an einem Unternehmen beteiligt, das sich aufs induktive Laden spezialisiert hat. Welche Zukunftsmärkte habt ihr noch im Blick?

Wir versuchen eine gesamtheitliche Lösung für die Energiewende zu finden. So bin ich zum Beispiel der Meinung, dass wir langfristig weg vom Stecker kommen müssen beim Laden von Elektroautos. Das muss künftig automatisch funktionieren, deswegen haben wir uns auch mit der Stercom-Partnerschaft im Bereich des induktiven Ladens positioniert.

Wir müssen dahin kommen, dass die Symbiose aus der Photovoltaik-Integration, unseren Energiespeicherlösungen und der Lade-Infrastruktur passt. Die Lade-Infrastruktur ist eine Riesen-Herausforderung. Deswegen verfolgen wir auch den Ansatz, die gesamten Speicher miteinander zu verbinden, um die maximalen Kapazitäten herauszuholen. Die Dezentralisierung von Energiesystemen ist eine große Herausforderung. Deshalb ist es umso wichtiger, dass möglichst alle Marktteilnehmer an einem Strang ziehen.

Ihr selbst bezeichnet euch nicht mehr als Startup. Was würdest du sagen: An welchem Punkt eurer Firmengeschichte seid ihr dieser Kategorie entwachsen?

Vom Startup-Status spricht man in der Regel, von Unternehmen, die drei bis fünf Jahre alt sind, auch die Mitarbeitergröße spielt eine Rolle. Uns gibt es bereits seit 2014 und unser Team wächst rasant, derzeit haben wir 140 Mitarbeiter. Organisatorisch gibt es bei uns aber immer noch viele Parallelen zu einem Startup, weil wir einige Werte der Startup-Kultur weiterhin leben. Wir haben bis heute keine Hierarchien und sind agil aufgebaut. Dadurch sind wir schneller entscheidungsfähig. Ob wir aber ein Mittelständler heute sind, oder ein Global Player oder was ganz anderes? Auf diese Frage versuchen wir gerade tatsächlich eine Antwort zu finden. Wahrscheinlich eine Mischung aus beiden.

Wer fehlt euch noch, um den Wachstumsplan auch personell umsetzen zu können? Welche Jobs besetzt ihr gerade?

Wir suchen Softwareentwickler, allgemein Leute im Bereich IT und im Bereich Human Ressources. Wir suchen agile Coaches, OKR-Master, um auch diese vielen neuen Mitarbeiter an die Hand nehmen zu können. Da unsere Organisation einmalig ist und sich immer weiterentwickelt, suchen wir eigentlich Mitarbeiter, die in kein festgefahrenes Profil passen.  

Kannst du eure agilen Strukturen an einem Beispiel erläutern?

In normalen hierarchischen Unternehmen gibt es zum Beispiel Abmahnungen, wenn Leute einen Fehler gemacht haben. Wir haben eine offene Fehlerkultur. Es wird niemand für Fehler bestraft, egal welcher Schaden verursacht wurde. Derjenige gibt beim nächsten Frühstück einen Kuchen aus und erzählt davon, sodass alle gemeinsam von den Fehlern lernen können. Es geht darum, den Mut im Team zu bewahren, neue Sachen zu entwickeln, neue Wege zu gehen. Dabei entstehen Fehler. Wenn wir nie Fehler machen würden, dann hätten wir nie laufen gelernt. Es ist ein Riesen-Mehrwert, wenn die Leute bei der Arbeit keine Angst haben. Wenn der Arbeitsalltag von der Angst bestimmt wird, können sich die Mitarbeiter meist auch nicht weiterentwickeln Unsere Leute legen außerdem selbst ihr Gehalt im Team fest. Es gibt keinen Chef mehr, der über die Gehaltserhöhung entscheidet.

Wie funktioniert das?

Das Unternehmen ist in Teams aufgeteilt. Es gibt immer maximal zehn Leute pro Team und das fokussiert sich auf einen bestimmten Bereich. Das eine Team kümmert sich zum Beispiel um die Software für die Webseite und das andere entwickelt Hardware für Batteriespeicher. Jedes Team erstellt sein eigenes Budget, inklusive Personalplanung, Neueinstellungen und Entlassungen.

Jeder Mitarbeiter, der seine Probezeit bestanden hat, kann bei uns einmal im Jahr einen Weihnachtsbrief schreiben, in dem er erläutert, warum er eine Gehaltserhöhung oder mehr Urlaub verdient hat. Diese Briefe werden vollständig öffentlich gemacht. Alle Mitarbeiter können sie lesen und Feedback dazu geben, zustimmen oder ablehnen. So ein direktes, umfangreiches Feedback ist in normalen Hierarchien unüblich, doch es bietet Mitarbeitern die Chance sich viel besser weiterzuentwickeln. Sollte jemand das System missbrauchen, sehen das alle in der Firma.

Inwiefern hat sich diese Arbeitsweise für euch bewährt?

Die durchschnittliche Fluktuationsrate bei Tesvolt liegt bei sieben Prozent. Der Durchschnitt in der Industrie in Deutschland hat eine Fluktuation von knapp 30 Prozent. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste von 140 Mitarbeitern 42 im Jahr austauschen, dann würde die ganze Innovationskraft und Beständigkeit komplett erstickt werden. Wir sparen durch unsere Organisation unglaublich viel Personalkosten. Zudem ist die geringe Fluktuation ein Indikator dafür, dass die Mitarbeiter sehr zufrieden sind.

Und die zweite wichtige Kennzahl ist der Krankenstand. Unsere Statistik liegt bei 1,9 Prozent pro Jahr, der deutschlandweite Unternehmensdurchschnitt bei vier Prozent. Gründe dafür sind meiner Meinung nach unsere Arbeitsbedingungen. Wir haben Vertrauensarbeitszeit. Unsere Mitarbeiter sind im Homeoffice technisch komplett ausgestattet, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist dadurch gegeben. Bereits vor Corona haben wir stark aufs Homeoffice gesetzt und waren somit ein Vorreiter, was die Remote-Arbeit betrifft. Wir haben es sogar geschafft, diese ganze Welt in Einklang mit der Qualitätsmanagement-Norm ISO-9001 zu bekommen. Der TÜV hat uns als agile Organisation zertifiziert. 

Förderlich für die Mitarbeiterzufriedenheit ist aber auch die Arbeit im Team. Wir arbeiten alle für ein gemeinsames Ziel und verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz.

Für wen sind diese Strukturen ideal und wer kommt damit eher nicht zurecht?

Die Sozialkompetenz und der Wille sind uns teilweise wichtiger als die fachlichen Fähigkeiten, weil man diese immer weiterentwickeln kann. Wichtiger ist, dass Mitarbeiter aber zusätzlich dieses innerliche Mindset anstreben oder im besten Fall schon haben.

Wir haben ein sehr tiefgestaffeltes Bewerbungsverfahren, in dem wir immer wieder unsere Werte hinterfragen. Wenn die Persönlichkeit nicht passt, dann läuft es auch im Team unrund. Wir haben unglaublich viele Bewerbungen und haben deshalb auch die Möglichkeit, uns die passenden Mitarbeiter auszusuchen.


Meldet euch gerne bei TESVOLT, wenn euch die Arbeitsweise des Teams gefällt! Alternativ findet ihr jede Menge spannende Startup Jobs auf unserem Job Board. 👈

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