PerioTrap: Hochspezifisch gegen Parodontitis

PerioTrap Pharmaceuticals Foto: Investforum

Redakteurin: Melanie Friedrichs, Univations GmbH / Investforum Startup-Service

Eine Ausgründung des Fraunhofer Instituts für Zelltherapie und Immunologie hat ein hochspezifisches Antibiotikum gegen Parodontitis entwickelt und leistet damit einen großen Beitrag gegen die Gefahr durch multiresistente Keime.

Parodontitis gehört zu den häufigsten Infektionskrankheiten der Welt. Rund 30 Prozent der Weltbevölkerung klagen über bakteriell entzündetes Zahnfleisch, was im weiteren Verlauf die Zerstörung des Zahnhalteapparates und Zahnverlust zur Folge haben kann. Unbehandelt ist die Krankheit mitverantwortlich für Rheuma, Diabetes, Herzinfarkt oder Schlaganfall. In schweren Fällen wird Patienten meist ein Antibiotikum verabreicht. Zwar lässt sich das Zahnfleisch so gut behandeln, allerdings kann der restliche Organismus nachhaltig geschwächt werden. Das Breitbandantibiotikum zerstört dabei die enorm wichtigen gutartigen Bakterien im Mund und im Darm, die wie eine Barriere das Immunsystem schützen. Alarmierend ist bei der Vergabe von Antibiotika auch die steigende Zahl der Infektionen durch multiresistente Keime. „Die einzige Lösung, dem vorzubeugen ist, sparsam mit Reserveantibiotika umzugehen – oder neue, spezifische Wirkstoffe zu finden“, erklärt Dr. Mirko Buchholz angesichts dieser Tatsache. Der Medizinalchemiker, der selbst an der Martin-Luther-Universität Pharmazie studiert hat, konzentriert sich auf letztere Möglichkeit. Gemeinsam mit einem Forscherteam hat er am Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie am Standort Halle ein hochspezifisches Antibiotikum gegen Parodontitis entwickelt.

Ende 2018 wurde das Gründerteam von „PerioTrap Pharmaceuticals“ (2.v.l. bis 3 v.r.) mit dem Hugo-Junkers-Preis in der Kategorie „Innovativstes Projekt der angewandten Forschung“ ausgezeichnet.
© IMG Sachsen-Anhalt GmbH / Foto: Andreas Lander

Zweifach selektive Wirksamkeit – getestet und patentiert

Die Forschungen dafür begannen im Jahr 2013 mit einem EU-Förderprogramm. Wissenschaftler aus mehreren Ländern untersuchten dabei die Pathogene, die krankheitsverursachenden Bakterien, der Parodontitis. Durch die gewonnenen Erkenntnisse gelang es einen Wirkstoff zu entwickeln, der „zweifach selektiv sei“, erklärt Buchholz, der sich auf die angewandte Forschung spezialisiert hat. Das bedeutet, dass der neuartige Wirkstoff nur von den Pathogenen aufgenommen werden kann und gleichzeitig auch nur bei ihnen wirkt. Diese Wirkung basiert zum einen auf der Blockierung eines Enzyms, das für die „Ernährung“ des Bakteriums benötigt wird, zum anderen auf einem spezifischen Transportmechanismus für Eisen. Der entwickelte Wirkstoff ist mittlerweile patentiert – dahinter steht das im Dezember 2018 gegründete Startup „PerioTrap Pharmaceuticals“. Sieben Wissenschaftler aus Halle sowie die Fraunhofer-Gesellschaft haben sich an dem vielversprechenden Forschungsprojekt als Gründer beteiligt.

Die Grafik veranschaulicht das Enzym, welches durch den Wirkstoff gehemmt wird. Grafik: PerioTrap Pharmaceuticals

Der Einsatz dieser spezifischen Arznei bringt zwei große Vorteile mit sich. Da es nur lokal auf die Pathogene innerhalb der Zahntaschen wirkt, wird der restliche Organismus nicht angegriffen. „Dies bedeutet im Umkehrschluss auch, dass Reserveantibiotika gespart werden können“, erläutert Geschäftsführer Dr. Mirko Buchholz. Somit leistet die Erfindung auch einen großen Beitrag gegen die Gefahr durch multiresistente Keime. Der Proof of Concept im Reagenzglas bestätigte den Experten bereits die hohe Wirksamkeit und Vorzüge im Vergleich zu herkömmlichen Antibiotika.

Von der präklinischen Phase zum Markteintritt

Bis zur Zulassung auf dem Markt ist es allerdings noch ein weiter Weg. Um das Antibiotikum in Studien am Menschen testen zu können, muss es zuerst die präklinische Phase durchlaufen. Diese beinhaltet unter anderem die Untersuchung auf Giftigkeit und Versuche am lebenden Organismus. Für die Durchführung dieser Phase benötigt PerioTrap Wagniskapital in Höhe von 4,5 Millionen Euro. Zurzeit befinde man sich deshalb auf Investorensuche und sei mit einigen privaten Geldgebern bereits in Verhandlung. „Da wir für unsere Forschungen die Räumlichkeiten des Fraunhofer Institutes nutzen können, wird das Geld vollständig in die Weiterentwicklung des Wirkstoffes fließen“, erklärt Buchholz.

Die bisherige Planung sieht vor, dass die präklinische Phase im Jahr 2021 abgeschlossen sein wird. Ob die Wissenschaftler das Projekt darüber hinaus betreuen werden oder sich für eine Auslizensierung beziehungsweise den Verkauf entscheiden, wird eine zweite Finanzierungsrunde klären. „Von Phase zu Phase sinkt das Investitionsrisiko, dabei steigen jedoch die Kosten“, sagt der Pharmazeut. So werden für die folgenden zwei klinische Phasen circa 12 Millionen Euro benötigt, bevor sich eine letzte dritte Phase anschließt.

Großer medizinischer und gesellschaftlicher Bedarf

Gegen die Kosten für die Behandlung von Paradontitis wirkt der Kapitalbedarf allerdings fast schon gering: 1,3 Milliarden Euro würden dafür allein jährlich in Deutschland ausgegeben werden, so Buchholz. „Der medizinische als auch gesellschaftliche Bedarf ist definitiv gegeben.“ Auch einige Pharmaunternehmen würden derzeit nach Lösungsmethoden forschen – jedoch sei keine davon ähnlich innovativ wie der durch PerioTrap entwickelte Wirkstoff. Besonders die hohen Einsparungen an Reserveantibiotika fördern die Chance enorm, dass das Antibiotikum direkt nach Markteintritt für die Paradontitis-Behandlung eingesetzt wird.  Bis zu diesem Punkt, heißt es seitens des Geschäftsführers, werde das Gründerteam die Arznei nicht begleiten. Spätestens vor Beginn der dritten klinischen Phase im Jahr 2025 ist der Verkauf des Jungunternehmens geplant. „Es gibt noch viele weitere Projektideen, die verwirklicht werden sollen“, so Dr. Mirko Buchholz.