Nanotechnologie von Thüringer Startup SmartDyeLivery bietet ungeahnte Therapiemöglichkeiten

Dr. Marc Lehmann, Geschäftsführer von SmartDyeLivery aus Jena und Stefan Jahn, Investmentmanager bei der bm-t im Interview. (Foto: Thüringer Aufbaubank)

Neue Therapiemöglichkeiten für bisher nur schwer behandelbare Erkrankungen: Das Jenaer Start-up SmartDyeLivery GmbH entwickelt eine Plattformtechnologie, die mithilfe von Nanopartikeln bestimmte Wirkstoffe gezielt an die Stellen im Körper transportiert, wo sie benötigt werden. Damit können Erkrankungen therapiert werden, für die es bislang kaum Behandlungsoptionen gab. Was das genau bedeutet und warum die Finanzierung über Fördermittel und Risikokapital die ideale Kombination im Lifescience-Bereich ist, erklärt der Geschäftsführer Dr. Marc Lehmann im Interview. Darüber hinaus gibt bm|t‑Investmentmanager Stefan Jahn Einblicke in die Frühphase der Unternehmungsgründung und worauf es beim Investment ankam.

Ein Gastbeitrag der Thüringer Aufbaubank.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für das Thema Mikrobiologie?

Dr. Marc Lehmann: Ich wollte unbedingt etwas studieren, womit ich Menschen konkret helfen kann. Nun ist natürlich eine universitäre Laufbahn eher von Wissensgewinn geprägt. Das ist auch in Ordnung, aber ich wollte einen Schritt weiter gehen. Die Mikrobiologie hat mir hier viele Möglichkeiten eröffnet. Infektionskrankheiten gibt es schon immer und seit mehreren Jahrzenten steigen sie wieder an. Das liegt daran, dass die Bevölkerung immer älter wird und medizinische Eingriffe immer schwerwiegender werden.

Genau hier spielen mikrobiologische Fragestellungen eine große Rolle. Das war für mich die Chance zu sagen: Wenn man auf der Suche nach einer Lösung für Infektionsprobleme, Diagnostik und Therapien ist, dann ist das mein Gebiet. Ich habe deshalb in den Fächern Mikrobiologie und Molekularbiologie promoviert. Inzwischen bin ich aber seit rund 15 Jahren eher in Management-Positionen tätig.

Wie sind Sie zu SmartDyeLivery gekommen?

Dr. Marc Lehmann: Das Start-up SmartDyeLivery wurde 2014 unter anderem von einem Gesellschafter gegründet, den ich bereits lange kannte. Als er mich fragte, ob ich einsteigen möchte, habe ich erst einmal abgelehnt, weil ich noch in einem anderen Unternehmen beschäftigt war. Zum Glück ist er hartnäckig geblieben, daher bin ich 2015 zu SmartDyeLivery gewechselt. Heute bin ich sehr froh über diese Entscheidung.

Sie bezeichnen Ihre Technologie als „Spediteure im Körper“. Was bedeutet das?

Dr. Marc Lehmann: In aller erster Linie entwickeln wir eine Plattform, die es ermöglichen soll, Wirkstoffe in Nanopartikel zu verpacken. Diese Nanopartikel möchten wir in ihren Eigenschaften so verändern, dass sie den Wirkstoff nur an die Stelle im Körper transportieren, wo dieser auch wirklich hin soll. Wenn ein Mensch zum Beispiel Kopfschmerzen hat, dann nimmt er eine Schmerztablette, die sich im Magen auflöst. Anschließend verteilt sich der Wirkstoff im ganzen Körper, obwohl der Schmerz eigentlich nur im Kopf sitzt und nicht im Fuß. Das ist bei dem Wirkstoff einer Schmerztablette überhaupt kein Problem, weil die Nebenwirkungen überschaubar sind. Es gibt aber andere Erkrankungen, die mit Wirkstoffen behandelt werden, die sich nicht im kompletten Körper verteilen sollen. Deswegen sind wir die Spediteure: Wir entwickeln selbst keine neuen Wirkstoffe, sondern transportieren diese gezielt an die richtige Stelle im Körper.

Wo kommt Ihre Technologie zum Einsatz?

Dr. Marc Lehmann: Je spezifischer ein hochwirksamer Wirkstoff – beispielsweise bei einer Krebstherapie – nur an die Stelle transportiert wird, an der er wirken soll, umso besser ist das. Im Speziellen arbeiten wir momentan an einer Entwicklung, die bei Patienten mit septischem Leberversagen helfen soll. Bei einer Sepsis handelt es sich um einen lebensbedrohlichen Zustand als Antwort auf eine Infektion, bei der der Körper nicht in der Lage ist, die Infektion am Ausgangspunkt einzugrenzen und die Antwort des Körpers die eigenen Gewebe und Organe, etwa die Leber, schädigt. Wenn man zum Beispiel in den berüchtigten rostigen Nagel tritt, kann es passieren, dass Erreger eindringen und diese fatale Kaskade im Körper auslösen. Für das septische Leberversagen gibt es keine spezifische Therapie. Wir nutzen also unsere Technologieplattform, um den Wirkstoff direkt in die betroffenen Zellen der Leber zu transportieren, um diesen Patienten das Leben zu retten.

Wie konnte die Thüringer Förderinfrastruktur unterstützen?

Dr. Marc Lehmann: Die Thüringer Aufbaubank ist eine wichtige Partnerin für uns, denn wir bauen aktuell auf zwei Bausteinen auf: In erster Linie setzen wir auf Risikokapital, das auch die TAB-Beteiligungstochter bm|t ins Spiel bringt. Gleichzeitig nutzen wir aber auch Förderprogramme, wie die FTI-Richtlinie oder die GRW, um Investitionen tätigen zu können. In der ersten Phase würde es ohne Risikokapital und alleine mit Förderung nicht funktionieren, da wir bei Fördermitteln immer auch einen Eigenanteil leisten müssen.

Aber ohne Förderung geht es auch nicht, denn Investoren schauen genau hin, ob ein Unternehmen durch Fördermittel unterstützt wird. Ich glaube, dieses Zusammenspiel aus TAB und bm|t ist eine ganz große Stärke von Thüringen. Es greift ineinander und war für uns letztlich der Garant dafür, dass wir überhaupt starten konnten.

Herr Jahn, was hat das Start-up denn so besonders gemacht?

Stefan Jahn: Ich kann mich noch gut erinnern, denn damals habe ich den Prozess noch als Junior-Investmentmanager begleitet. Der erste Kontakt kam über Prof. Dr. Ulrich Schubert, Mitgründer von SmartDyeLivery. Er hat uns die Idee vorgestellt, aber 2014 fehlte noch jemand, der das Management im Unternehmen übernimmt. Die drei Gründer hatten alle einen Hauptjob, den sie nicht aufgeben wollten. Das war die erste maßgebliche Bedingung von uns: Es muss ein fähiges Management gefunden werden – was dann in Person von Dr. Lehmann auch schnell besetzt wurde.

Wichtig war uns außerdem ein Konzept, wohin es mit dem Unternehmen gehen soll sowie das Vorhandensein von Patenten. Letztlich entsprachen auch die Marktabschätzung und das Marktpotenzial den Erwartungen eines Investors. Die Fokussierung des Start-ups lag außerdem erst mal auf einer Indikation, in diesem Fall dem septischen Leberversagen. Das war ebenso ein wichtiger Punkt, denn am Unternehmensstandort in Jena ist ein starkes Sepsis- und Wissenschaftsnetzwerk vorhanden, sodass sich SmartDyeLivery in vorhandene Infrastruktur einmieten konnte. Besonders junge Unternehmen haben anfangs in der Regel nicht das Kapital, um sich Gerätschaften in diesem Segment zu beschaffen.

Was war Ihnen vor Startfinanzierung wichtig?

Dr. Marc Lehmann: Für uns war eine faire Behandlung ganz wichtig. Zu Beginn eines Gründungsvorhabens blicken alle in gewisser Weise immer erst mal in die Glaskugel, auch wenn die Idee, der Markt sowie das klinische Problem gut beschrieben sind und Erfolg versprechen. Mit der bm|t hatten wir immer gute und faire Diskussionen.

Wie konnte die bm|t darüber hinaus unterstützen?

Dr. Marc Lehmann: Für uns war es besonders wichtig, in der bm|t einen Sparringspartner zu haben, der für private Investoren Expertise und Branchenkenntnis signalisiert. Über diesen Hebel haben wir es geschafft, messbares privates Kapital in unsere Unternehmung zu holen. Wir haben einfach ein unfassbares Glück, über ein Netzwerk aus Investoren, von der Sparkasse über bm|t und STIFT hin zu Privatinvestoren, zu verfügen, die unsere Idee tragen und auch wissen, dass dieses Vorhaben nicht in zwei Jahren zum Exit führt.

Wie sehen Investmentrunden nach der Startfinanzierung aus?

Stefan Jahn: Bei Lifescience-Themen, wie sie die SmartDyeLivery bedient, haben wir gewisse inhaltliche Meilensteine, die man gut triggern kann. Wir schauen von Anfang an, wie viel Kapital benötigt wird, um die einzelnen Meilensteine zu erreichen. Jeder Meilenstein ist außerdem ein wichtiger Anhaltspunkt für die Akquise potenzieller neue Investoren. Wenn wir schon in einer frühen Phase zu der Einschätzung kommen, dass unsere Mittel und die der Co-Investoren nicht ausreichen, um den nächsten wichtigen Meilenstein zu erreichen, dann würden wir gar nicht erst investieren – auch wenn der Markt und das Geschäftsmodell noch so gut sind.

Dr. Marc Lehmann: Unsere Idee wurde an der Universität geboren und hat in späteren Versuchen gezeigt, dass daraus ein funktionsfähiges Produkt entwickelt werden kann. Das war das Ziel der ersten Finanzierungsrunden.

Ende 2021 haben Sie sich eine weitere Finanzierung in Millionenhöhe gesichert. Wie sind Ihre Visionen für die Zukunft?

Dr. Marc Lehmann: Das Produkt funktioniert in den bisherigen Untersuchungen wie gewünscht und kann im großen Maßstab produziert werden. Nun muss dieses Produkt aber auch umfangreich im Tiermodell und später am Menschen getestet werden und unterliegt zahlreichen regulatorischen Anforderungen. Dazu gehören sogenannte präklinische Testungen, die erfolgreich beendet werden konnten, aber auch die ersten Testungen am Menschen, in die eine größere Summe der letzten Finanzierungsrunden fließt.

Am Ende der aktuellen Phase geht es darum zu zeigen, dass unsere Technologie sicher ist, was letztlich eine riesige Wertsteigerung für uns darstellt. Wenn diese Phase ebenso positiv verläuft, hat unser Unternehmen zwei Optionen: Mithilfe von Investoren können wir in einem weiteren Meilenstein testen, ob die Technologie am erkrankten Patienten wirksam ist. Zum anderen können wir aber auch über Lizensierungen oder verschiedene Exit-Szenarien nachdenken.

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