ChargeHorizons: „Nachhaltiges Reisen sollte attraktiv und sexy sein“

Der Sommer steht vor der Tür und unsere Sehnsucht nach der Ferne ließ die Pandemie ausreichend reifen. Urlaub macht Laune, doch oft vergessen wir dabei, welche negativen Folgen unsere Reiseentscheidungen auf die Umwelt und auf die Einheimischen am Urlaubsort haben können. Wir müssen aber nicht komplett aufs Reisen verzichten, um diese zu vermeiden. Lösungen wie ChargeHolidays können uns dabei helfen, bewusstere und ökologisch nachhaltige Entscheidungen zu treffen, wenn die Urlaubsplanung ansteht.

Reiselust als Klimakiller

Der Sommer steht vor der Tür und viele Länder haben ihre coronabedingten Einreisebeschränkungen erleichtert oder aufgehoben. Gleichzeitig wächst das Fernweh, was sich mit Blick auf das Buchungsvolumen von gängigen Buchungsportalen wie Eurowings Holidays oder Lufthansa-Holidays feststellen lässt. Laut HLX-Gruppe, die die genannten Portale betreibt, habe die Nachfrage nach Urlaubsreisen das Vor-Pandemie-Niveau von 2019 erreicht. 

Die Vorfreude ist groß, denn Reisen macht Spaß und erweitert den Horizont. Allerdings vergessen wir oft, dass unsere Reiselust auch negative Auswirkungen auf die Umwelt und die Einwohner:innen im Urlaubsgebiet haben kann. Forscher:innen der Universität Sydney haben errechnet, dass der globale Tourismus für acht Prozent der gesamten CO₂-Emissionen der Menschheit verantwortlich ist und sein Anteil an den weltweiten Treibhausgasemissionen stetig wächst.

Wir müssen jedoch aufs Reisen nicht gänzlich verzichten. Es hilft, das Bewusstsein für die ökologischen Folgen unserer Reiselust zu schärfen und in unsere Reiseentscheidungen einzubinden. ChargeHorizons, ein junges Startup aus Dresden, möchte Reisende dabei unterstützen.

Für mehr Durchblick im Siegeldschungel

Lilith und Jeroen studieren gemeinsam an der Technischen Universität in Dresden. Als Paar für Rock ’n’ Roll, Akrobatik und Cheerleading verbindet sie neben dem Universitätsalltag auch ihre Passion fürs Tanzen. Bei waghalsigen Stunts müssen sich beide blind vertrauen können. Eine gute Voraussetzung, um sich als Gründerduo gegenseitig den Rücken zu stärken. 

Wettbewerbe und Veranstaltungen führten Lilith an viele Orte und in verschiedene Unterkünfte. Vieles im Alltag sehe sie durch eine „grüne Brille“, so die Studentin für Internationale Beziehungen. Diese Brille offenbarte ihr häufig die Nachlässigkeit, mit der viele Einrichtungen dem Thema Nachhaltigkeit begegnen. Fleischreiche Buffets, ineffiziente Energieversorgung oder eine unachtsame Wasserbewirtschaftung und Abfallwirtschaft. Statt eine transparente Einsicht in das Nachhaltigkeitsmanagement zu ermöglichen, bemühen sich viele Hotelbetreiber:innen, mit unzähligen Siegeln auf der Website das ökologische Gewissen zu beruhigen. 

Lilith Diringer, Co-Founderin von ChargeHorizons. (Foto: Lilith Diringer)

Lilith tauschte sich mit Anbieter:innen und Wohnungseigentümer:innen aus, führte Recherchen und Umfragen durch. Der unübersichtliche Siegeldschungel lichtete sich und am Ende stellt sie fest: Eine große Mehrheit möchte tatsächlich nachhaltiger reisen. Doch lediglich ein Prozent der Angebote seien auf Nachhaltigkeit zertifiziert und eine aussagekräftige Bewertung über den Status Quo sei bei über 150 unterschiedlichen Zertifikaten gar nicht so leicht. Die Mehrheit bleibt orientierungslos zurück und kann zwischen Greenwashing und ehrlichem Umweltengagement nicht unterscheiden. Nachhaltiges Reisen wirkt kompliziert und intransparent.

Mit diesen Erkenntnissen begab sich Litlith selbst auf eine Reise und schärfte ihre Vision, Reisenden künftig einen ökologisch nachhaltigen Urlaub so einfach wie möglich zu machen.

Der ChargeHolidays Sustainability Check

ChargeHorzions unterstützt Reisende bei ihren Urlaubsplänen und ermöglicht bewusste Entscheidungen auf Grundlage von ausgewählten Nachhaltigkeitsaspekten. Daneben möchten Lilith und Jeroen Anbieter:innen von Unterkünften ermuntern, nachhaltiger zu wirtschaften und ihr Nachhaltigkeitsmanagement transparent offenzulegen, um so attraktiver für Kund:innen zu werden. Reisende und Anbieter:innen finden sich auf einer Plattform wieder, auf der solche Unterkünfte gebucht werden können. Jede Unterkunft wird dem ChargeHolidays Sustainability Check unterzogen und auf Herz und Nieren in Sachen Nachhaltigkeit überprüft. 

Der Nachhaltigkeitscheck erfolgt in Kooperation mit TourCert, einem international anerkanntem Beratungs- und Nachweissystem. Die Kriterien orientieren sich an Grundlagen des Global Sustainable Tourism Council. In den Kategorien Mobilität, Personalmanagement, Kommunikation, Abfallmanagement, Ressourcenmanagement und Sourcing bietet der Check anhand einer „Traumfängerdarstellung“ einen umfangreichen und verständlichen Einblick in das Nachhaltigkeitsmanagement der Anbieter:innen.

Der Check basiert auf Eigenangaben der Unterkünfte. Das sei aber nicht weiter schlimm, so Lilith, denn Falschangaben seien in der Hotellerie alles andere als leicht zu vertuschen. Der erste Gast mit kritisch-nachhaltigem Blick könnte dem Betrug auf die Schliche kommen. Das Ergebnis wäre ein sehr schlechtes Image für die kaschierenden Anbieter:innen. Die Kontrolle funktioniere damit deutlich einfacher, als bei anderen Produkten und deren verschleierter Lieferketten. Der Check soll eine erste Einstiegsbarriere darstellen und im besten Fall zum Weiterverfolgen des Nachhaltigkeitswegs anregen sowie durch weitere Zertifikate wie dem EarthCheck oder GreenGlobe ergänzt werden.

Wer noch unschlüssig ist, wohin die nächste Reise gehen könnte, kann sich an personalisierten Vorschlägen von ChargeHoizons orientieren. Für alle Unterkünfte bringt das Startup Transparenz in den Siegeldschungel und ermöglicht, ergänzt durch die Möglichkeit einer CO₂-Kompensation, eine von vorne bis hinten nachhaltige Reisebuchung. ChargeHorizons unterscheidet sich mit diesem Ansatz von konkurrierenden und gängigen Buchungsplattformen wie beispielsweise booking.com oder expedia.

Bootstrapping und seine Grenzen

Das Produkt steckt noch in den Kinderschuhen. Ihr Startup finanzieren Lilith und Jeroen bisweilen noch aus Eigenmitteln. Die App ist als Prototyp seit Herbst 2021 im Google Play Store erhältlich. Gegründet hat das Duo im September 2021 in Dresden.

Der nächste große Schritt sei nun, die Plattform sowohl für Reisende als auch für Anbieter:innen attraktiv zu machen. Lilith sieht hier einen großen Meilenstein in der technischen Anbindung an sogenannte Channel Manager.

„Die größte Herausforderung liegt zurzeit darin, eine IT-Anbindung an Channel Manager zu ermöglichen. Über diese Manager werden alle Buchungen, die Reisende auf den vielen verschiedenen Plattformen tätigen, miteinander in Einklang gebracht. So lange ChargeHorizons technisch daran noch nicht angebunden ist, stellt es für Hotels und Ferienwohnungen einen erheblichen Mehraufwand dar, auf unserer Plattform registriert zu sein. Die Anbindung nimmt viel Zeit in Anspruch, da wir personell noch beschränkt sind. Gleichzeitig müssen wir Reisende für Buchungen auf unserer Plattform begeistern. Somit sind IT und Marketing unsere wichtigsten Bereiche.“

Das junge Startup stößt an seine Kapazitätsgrenzen. Lilith kümmert sich um das operative Geschäft und die Kooperationspartner:innen. Sie sammelte als Nachhaltigkeitscoach im netzwerk n – ein Netzwerk von jungen Menschen, das sich für Nachhaltigkeit und Klimaschutz an Hochschulen einsetzt – und als ehemaliges Jugendratsmitglied der NGO WWF bereits viel Erfahrung im Bereich Nachhaltigkeit. Jeroen ist als Informatikstudent der Fachexperte für die IT-Infrastruktur und entwickelt den Code hinter der Applikation. Doch gerade für die IT bräuchte das Gründerduo dringend Unterstützung. Dafür fehle noch das Kapital.

Doch das Gründerduo lässt sich nicht entmutigen. Mit ChargeHorizons bemühen sich Lilith und Jeroen um einen positiven Impact für einen nachhaltigen Tourismus. Um ihre Ideale und Werte direkt in ihr Unternehmen einzubinden, überführte das Gründerduo ChargeHorizons in eine Gesellschaft mit gebundenem Vermögen.

Selbstenteignung für den Unternehmenspurpose

Das Konzept sieht vor, dass Mitarbeitende in einem Unternehmen gleichzeitig die Besitzer:innen und Entscheidungsträger:innen sind. Es stellt sicher, dass Unternehmen im Sinne der Gründer:innen weitergeführt werden und sich Nachfolger:innen an die Ziele und Ideale halten. Ganz praktisch heißt das, dass Gewinne an Gesellschafter:innen nicht mehr ausgezahlt werden oder nicht mehr aus dem Unternehmen abfließen dürfen. Sie bleiben fest im Unternehmen und werden reinvestiert, um eine gesunde, wertebasierte und zukunftsgerichtete Entwicklung zu ermöglichen. 

„Das Konzept des Verantwortungseigentums greift das Bedürfnis von Arbeitnehmer:innen auf, nicht lediglich eine Tätigkeit zu absolvieren, deren Sinnhaftigkeit unklar ist, sondern sich stattdessen mit der eigenen Arbeit zu identifizieren. Das Konzept bietet die beste Möglichkeit, gemeinsam in einer Arbeitsgemeinschaft an einem Strang zu ziehen und aus Überzeugung tolle Dinge erreichen zu können“, zeigt sich Lilith überzeugt.

Noch existiert keine Rechtsgrundlage für dieses Konzept, ein Entwurf soll aber noch in dieser Legislaturperiode der Ampel-Koalition auf den Tisch kommen. Unternehmen, die mit diesem Konzept liebäugeln, wenden sich daher in den meisten Fällen an die Purpose Foundation. Sie begleitet Unternehmen beim Gründungs- oder Überführungsprozess und bietet ein Netzwerk mit zahlreichen Unternehmer:innen, die sich bereits dem Verantwortungseigentum verschrieben haben. Dazu zählen Unternehmen wie die nachhaltige Suchmaschine Ecosia oder der Großkonzern Robert Bosch.

Auf dieses Netzwerk können auch Lilith und Jeroen zurückgreifen, doch die nächsten Meilensteine erreicht das Tanz- und Gründerduo mit ChargeHorizons weiterhin im eigenen Rhythmus.

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