Die Mission mit der Vision

Vision

Ein Gastbeitrag von Johannes Ehrlich

Start-Up-Leben als tägliche Selbstfindung

Wir, von der Sengi GmbH haben vor kurzem einen der wichtigsten Meilensteine im Leben eines Start-Ups erreicht: wir haben einen Vertrag mit unserem ersten Investor unterzeichnet. Jetzt können wir zwar nicht aus goldenen Tassen trinken und mit dem Porsche ins Büro fahren aber wir haben die Freiheit uns mehr auf unser Produkt Sengi Up zu fokussieren und die Sorgen um Geld mal nicht mit ins Bett nehmen zu müssen. Geld ist zwar eine wichtige Ressource für Unternehmer, allerdings mussten wir erfahren, dass es Dinge gibt, die unser Gründerteam noch viel härter auf die Probe stellen sollte als eine fehlende Investition. Die Notwendigkeit sich als Entrepreneur jeden Tag neu zu erfinden und dabei trotzdem die eigenen Interessen und Motivationen nicht aus den Augen zu verlieren war immer eine Herausforderung. Kürzlich saßen wir in einem Gründermeeting zusammen, einer Still in der Ecke, während zwei sich anschrien, weil sie unsere Vision anders warnahmen. Aber erst einmal von vorne:

Am Anfang stand eine Vision

2016 fingen wir an unsere Idee in Vollzeit zu entwickeln und zu planen. Wir bekamen eine Existenzgründerförderung von der Regierung (danke Merkel) und der europäischen Union. Unsere Vision damals war klar: „Big Brother Needs to Be Stopped“, also die Überwachungswut von Unternehmen und Behörden zu beenden. Der Gedanke war allen Menschen, die das Internet nutzen eine Plattform zu bieten über die sie sicher Daten tauschen und kommunizieren können und das noch Quelloffen (Open Source) damit uns auch jeder prüfen und vertrauen kann. Ein idealistischer und ambitionierter Weg, aber wir standen mit vollem Herzblut dahinter. Da wir das eigenständige Arbeiten aber hauptsächlich aus der Universität oder von Nebenjobs kannten, fiel es uns am Anfang schwer Prozesse zu etablieren um gezielt voranzukommen. Damit wir nicht einfach nur durch den Nebel ruderten, holten wir uns Hilfen von allen möglichen Seiten. Der Gründerservice der Uni beriet uns in betriebswirtschaftlichen und strategischen Fragen, die Informatik Fakultät der Martin-Luther-Universität-Halle gab uns Hilfestellung in der Entwicklung. Durch unsere Förderung konnten wir uns auch einen Gründercoach leisten, der weitere gute Ratschläge mit im Gepäck hatte.

Unterstützung und Beratung durch das SpinLab – The HHL Accelerator

Dank aller Unterstützungen und Beratungen qualifizierten wir uns im Sommer 2016 sogar für das SpinLab, den Start-Up-Accelerator der HHL Leipzig. Ein wahnsinniger Erfolg. Gleich in der ersten Woche fand dort der Mentorentag statt. Erfahrene Vertreter aus der Wirtschaft kamen in das SpinLab und prüften unsere Idee auf Herz und Nieren. Am Abend fühlten wir uns klein, dumm und unerfahren. Da wir aber Kritik als Chance für Verbesserungen verstehen, taten wir das, was wir am besten konnten: uns neu erfinden. Wir behielten unsere Technologie, nahmen Abstand vom Gedanken der Weltverbesserung und versuchten nun Firmen ein Sicherheitsprodukt anzubieten. Während dieser Zeit besuchten wir eine Menge Workshops, Seminare oder Messen und jedes Mal kam einer von uns mit neuen Ideen zurück. Unsere Mentoren halfen uns Kontakte zu knüpfen, von denen jeder wieder eigene Ideen und Ratschläge für uns hatte. Dazu kam dann unser erster Investor, der natürlich auch seine eigenen Vorstellungen für die Entwicklung von Sengi Up hatte. Ein neuer Prozess hier, eine neue Struktur dort, es waren ja nur kleine Veränderungen.

In der Zwischenzeit entwickelte sich in den Köpfen von uns drei Gründern eine unterschiedliche Vision, wo Sengi in Zukunft stehen soll. Wir hatten uns nicht auseinandergelebt und egomanische oder größenwahnsinnige Anwandlungen haben wir auch nicht bekommen, aber die fortlaufenden Anpassungen und das ständige Umdenken hat ganz organisch eigene gedankliche Gebilde über die Zukunft von Sengi in unseren drei Köpfen wachsen lassen. Der symbolische Höhepunkt war ein Vertriebsworkshop an dem wir gemeinsam teilnahmen. Dort sollten wir unsere Vision und Mission erläutern. Nach kurzem Zögern gab jeder von uns eine andere Antwort. Am Tag darauf saßen wir bei unserem besagten Gründermeeting mit aufgeheizten Gemütern und einer Wortwahl, die auch unter der Gürtellinie ein Tiefschlag war.

Hatten wir uns verraten? Was war aus unseren Idealen geworden?

Nach dem die Emotionen raus waren und wir wieder Raum für sachliche Argumente hatten fragten wir uns, was eigentlich noch unsere individuellen Motivationen sind, um jeden Tag ins Büro zu kommen. Die eindeutige Antwort war schnell gefunden: „wir lieben Technik, haben Spaß an der Produktentwicklung und wollen anderen Leuten die Chance geben unser Produkt auch zu nutzen“. Das war genau der Grund, warum wir überhaupt erst mit Sengi angefangen haben. Unsere Schwierigkeiten sind sicherlich nicht einzigartig und eine Menge andere Start-Ups durchlaufen ähnliche Sinnkrisen. Das Problem war jedoch nie, dass wir zu viele Ratschläge von Externen bekommen haben. Ohne diese Hilfe wären wir mit Sicherheit nicht dort, wo wir heute sind. Es ist allerdings eine Herausforderung bei allen Veränderungen nicht die individuelle Vision aus den Augen zu verlieren und die relevanten Informationen für sich so zu filtern, dass die Lektion auch zur eigenen Philosophie passt.

Heute haben wir mit Sengi Up eine Software entwickelt, die verschlüsselte Backups für Unternehmen anbietet. Stolz und zufrieden sind wir trotzdem mit dem was wir geschaffen haben, auch wenn wir erst einmal nicht jeden Internetnutzer vor der totalen Überwachung schützen können. Es steht ein Produkt, welches wir gemeinsam mit Liebe zur Technologie entwickelt haben und welches zumindest Unternehmen hilft seine sensiblen Daten nicht zu verlieren.

Was wir gelernt haben und jedem Gründer mit auf den Weg geben können

Die Bereitschaft neuen Informationen offen aufzunehmen hat unser Produkt vorangebracht. Die Fähigkeit regelmäßig und offen zu kommunizieren hat uns als Menschen vorangebracht und zu einer täglichen Selbstfindung geführt, in der wir es immer wieder geschafft haben zu unseren eigentlichen Zielen und Visionen zurückzufinden. Unsere interne Unternehmens Vision ist immer noch „Big Brother Needs to Be Stopped“. Außerdem planen wir unsere ursprüngliche Idee der Sicherheitsplattform für jedermann noch im Jahr 2018 zu veröffentlichen. Aus eigener Erfahrung können wir jedem jungen Unternehmen raten, sich seiner eigenen Motivation immer wieder bewusst zu werden, wenn Veränderungen anstehen, denn genau das ist es, was euch antreibt und über Kurz oder Lang erfolgreich sein lässt.