Mangelware IT-Mitarbeiter: Was machen Startups bei der Suche nach ITlern falsch?

Mitarbeiter im technischen Bereich zu finden fällt Startups vergleichsweise am schwersten, so das Ergebnis der Balderton Talent Survey von 2016. Bei meiner Arbeit als Werkstudentin im SpinLab – The HHL Accelerator ist mir bisher auch kein Startup begegnet, dass völlig problemlos neue IT-Mitarbeiter gefunden hat. Bei vielen scheitert der Weg zu qualifizierten ITlern schon am Ausbleiben von Bewerbungen, andere können die Gehaltsvorstellungen der Bewerber nicht erfüllen. Bereits in meinem Blog-Artikel über das Thema Recruiting von IT-Mitarbeitern habe ich mich intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Ivo Betke, Country Manager Germany bei talent.io, konnte mir aufschlussreiche Tipps für Startups geben, die Schwierigkeiten bei der Suche nach ITlern haben. Die zentralen Learnings möchte ich hier nochmal kurz zusammenfassen:

| Realistische Anforderungen schaffen
Bei vielen Startups ähneln die Anforderungen an einen zukünftigen IT-Mitarbeiter einer Weihnachts-Wunschliste, so Ivo Betke. Nur durch eine Zusammenarbeit mit Personen, die sich im IT-Bereich auskennen, können realistische Erwartungen bezüglich der Berufserfahrung und Qualifikation potenzieller IT-Mitarbeiter entstehen. Falls keine geeigneten Experten im Unternehmen vorhanden sind, müssen externe Berater herangezogen werden.

| Proaktiv nach Mitarbeitern suchen
Die alte „Post-and-pray“-Strategie funktioniert bei einer immer stärkeren Konkurrenz um qualifizierte Mitarbeiter nicht mehr. Es reicht nicht aus, Stellenanzeigen zu schalten und auf gute Bewerber zu warten. Insbesondere kleine unbekannte Startups müssen ITler proaktiv auf sich aufmerksam machen. Einen Mitarbeiter für sein Unternehmen zu begeistern funktioniert mehr und mehr wie der Verkauf eines Produkts, so Ivo Betke.

| Bedenken gegenüber Startups abbauen
Viele Personen haben Bedenken gegenüber der Arbeit in einem kleinen Startup. Können die Mitarbeiter überhaupt ordentlich bezahlt werden? Wird es das Unternehmen in ein paar Wochen oder Monaten überhaupt noch geben? Diese Bedenken muss man potenziellen Mitarbeitern nehmen und sie stattdessen von den Vorteilen überzeugen, die die Arbeit in einem kleinen Team mit sich bringt. Mit den Wünschen, die junge Berufseinsteiger im Bereich IT gegenüber ihren zukünftigen Arbeitgebern haben, hat sich unter anderem die Studie get started (2016) beschäftigt. Von den 1050 befragten Studierenden, Azubis und frischen Berufseinsteiger im Bereich IT wurden gute fachliche Entwicklungsmöglichkeiten mit 62% am häufigsten als Attraktivitätsmerkmal für einen Arbeitgeber genannt. Auch eine ansprechende Vergütung (ca. 61%), nette Kollegen (ca. 55%) und flexible Arbeitszeiten (ca. 52%) sind den befragten Young Professionals wichtig. Tendenziell lassen sich laut Ivo Betke eher junge ITler mit einer relativ hohen Risiko-Toleranz für die Arbeit in einem Startup gewinnen, als Familienväter mit viel Berufserfahrung. Personen, die bereits am Standort des Unternehmens wohnen sind auch leichter als Mitarbeiter zu gewinnen.

| Mit dem Produkt begeistern
Insbesondere Entwickler kann man laut Ivo Betke am besten über die inhaltliche Schiene für ein Unternehmen begeistern. Im Idealfall sucht man über entsprechenden Kanäle, wie Diskussionsforen im Internet oder spezifische Events, nach ITlern, die sich ohnehin schon für das Produkt oder die Thematik interessieren, mit der sich das jeweilige Startup beschäftigt. Solche Personen kann man nicht nur leichter als Mitarbeiter gewinnen, sie sind am Ende auch die Team Mitglieder mit der höchsten Motivation.

Nach wie vor bleibt aber insbesondere eine Frage offen: Wie gehen Startups bei der Suche nach ITlern vor?

Viele Studien beschäftigen sich intensiv mit den Eigenschaften und Qualifikationen von ITlern (u.a. Studie von stackoverflow, 2016) oder den Wünschen von ITlern gegenüber ihrem Arbeitgeber (siehe oben: get started, 2016). Auch die Vorgehensweise großer Unternehmen bei der Rekrutierung von IT-Fachkräften wird genau analysiert (u.a. Monster Studien, 2017). Die Frage, wie Startups bei der Rekrutierung von ITlern vorgehen, kommt bisher eindeutig zu kurz: Über welche Kanäle suchen Startups bevorzugt ITler? Wo treten Probleme auf? Und wie können sie zukünftig leichter an IT-Fachkräfte gelangen? Es wird Zeit, junge Unternehmen zu Wort kommen zu lassen und ihre Vorgehensweise bei der Suche nach ITlern genauer zu untersuchen. Nur so können wir herausfinden, wo Probleme liegen und Startups zukünftig bessere Chancen im “War for talent” verschaffen.

Genau an dieser Stelle setze ich mit meiner Masterarbeit an, die ich momentan an der HTWK Leipzig, betreut durch Prof. Dr. Peter M. Wald, Dozent für Personalmanagement und Autor des Leipziger HRM-Blogs, verfasse.
Falls du in einem Startup arbeitest, bitte ich dich hiermit vielmals um die Teilnahme an meiner Umfrage*: https://www.umbuzoo.de/q/IT-RecruitingbeiStartups/de/


* Die Umfrage richtet sich an die Person in eurem Unternehmen, die ITler rekrutiert bzw. eine dieser Personen. Die Teilnahme dauert nur ca. 10 Minuten. Als Dankeschön bekommt ihr meine Masterarbeit.
Voraussetzungen für teilnehmende Unternehmen:
Hauptsitz in Deutschland | max. 10 Jahre alt | innovative Technologie oder innovatives Geschäftsmodell |  Mitarbeiter- und/oder Umsatzwachstum vorhanden oder angestrebt

Wer das Erscheinen meiner Masterarbeit nicht abwarten möchte und sich schon jetzt intensiver mit der Thematik IT-Recruiting bei Startups auseinandersetzten will, sollte sich außerdem folgende Quellen anschauen:

| Der IT-Recruiting-Baukasten von stackoverflow gibt Startups Tipps zur Gestaltung von Stellenanzeigen, inklusive einer kurzen Anleitung zur suchmaschinenoptimierten Wortwahl. Hier werden außerdem hilfreiche Ratschläge zum Active Sourcing von Kandidaten und zum Employer Branding gegeben.

| Die bereits erwähnte Studie von Balderton Capital (2016) bietet einen Überblick über Entwickler in europäischen Startups. Wie viele Entwickler arbeiten in den jeweiligen Ländern und wie gut werden sie bezahlt? Auch die Vorgehensweisen und Probleme von Startups bei der Rekrutierung von Mitarbeitern im technischen Bereich wurden hier untersucht, wenn auch nicht besonders umfassend.

| Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) hat 2016 eine Studie zu Einflussfaktoren der Arbeitgeberattraktivität bei jungen Unternehmen veröffentlicht. Insbesondere eine fehlende Bekanntheit von Unternehmen kann laut den Autoren eine Ursache für Stellenbesetzungsprobleme sein. Allerdings spielen auch sonstige materielle Faktoren (insb. das Entgelt) sowie immaterielle Beweggründe, wie Arbeitsplatz Eigenschaften oder kreative Entfaltungsmöglichkeiten, eine wichtige Rolle.

Falls ihr Anmerkungen habt oder weitere Quellen zu dieser Thematik kennt, freue ich mich über jeglichen Austausch mit Startups, Personalmanagern oder sonstigen Interessierten!

Zur Autorin:

Viola hat in Tübingen Kommunikationswissenschaften und Soziologie studiert. Aktuell studiert sie “General Management” im Master an der HTWK Leipzig. Seit fast eineinhalb Jahren unterstützt sie außerdem das SpinLab – The HHL Accelerator als Werkstudentin, insbesondere in den Bereichen Recruiting und Event Management.