Leipziger Startup SeDiDoc vermittelt ÄrztInnen schnell und unkompliziert

Die junge Ärztin Dr. med. Dilan Sert gründete ein StartUp in Leipzig, das junge ÄrztInnen schnell und unkompliziert vermittelt.

In deutschen Krankenhäusern geht es manchmal drunter und drüber. Obwohl unser deutsches Gesundheitssystem ziemlich ausgeklügelt ist, versinken unsere Ärzte regelmäßig im Bürokratiechaos. Vor allem, wenn es darum geht, Personal bedarfsgerecht zur Verfügung zu stellen, kommt es oft zu Engpässen. Den damit verbundenen Papierdschungel möchte Gründerin Dr. med. Dilan Sert abschaffen, indem sie die automatische Ärzte-Vermittlungsplattform SeDiDoc gegründet hat – Wir haben sie für euch interviewt.

Was genau ist „SeDiDoc“?

SeDiDoc ist eine auf künstlicher Intelligenz aufgebaute Matching-Software, die ärztliche Tätigkeiten an medizinische Einrichtungen vermittelt. Es handelt sich dabei um ein Online-Portal, bei dem Ärzte schnell und unkompliziert für kurzfristige Dienste in Ausnahmefällen annehmen können. Das kommt in der Regel sehr, sehr häufig vor, vor allem bei Nacht- und Wochenenddiensten.

Wann werden externe Ärzte gebraucht?

Ich selbst habe als Ärztin in der Gynäkologie in einem Krankenhaus gearbeitet, wo wir regelmäßig externe Ärzte für solche Dienste gesucht haben. Das Stammpersonal schafft es in der Regel nicht, solche Dienste zu übernehmen, da die Stationsärzte bereits den ganzen Tag im Dienst sind. Insbesondere in der Nacht und am Wochenende waren wir stark unterbesetzt, so dass wir im Zweifel auch mal den Kreissaal schließen mussten – leider zum Nachteil aller Patientinnen!

Wie läuft diese Suche bisher ab?

Unfassbar umständlich und kompliziert! Die Ärzte im Krankenhaus müssen zunächst eintragen, welche Schichten von externen Ärzten abgedeckt werden sollen. Diese Information wird dann an die Chefsekretärin, später an die Personalabteilung übermittelt, die das wiederum an die Personalvermittlungsagentur schickt, die manuell die passenden Ärzte zur richtigen Zeit heraussucht… Dann werden die Aufträge an die geeigneten Ärzte vermittelt, bei einer Zusage wird ein Laufzettel an die Ärzte geschickt, um sicher zu stellen, dass der Dienst übernommen wurde. Daraufhin und nach Abgleich werden Rechnungen erstellt.

Dieser Prozess beinhaltet viel zu viele Medienbrüche und ist deshalb dermaßen intransparent und umständlich, dass leider viel zu oft nicht rechtzeitig das dringend benötigte Personal zur Verfügung gestellt werden kann. Es gibt einfach zu viele Schnittstellen und eine hohe Rückfrageschleife, was für Klinik- und Verwaltungspersonal stressbehaftet ist.

Welche Folgen hat das für unser Gesundheitswesen?

Stell Dir einmal vor, Du hast jahrelang Medizin studiert und dein Alltag besteht dann fast ausschließlich aus administratorischen Tätigkeiten. Ganz zu schweigen davon, was das für uns Ärzte an Zeitverlust bedeutet, macht das auch einfach niemandem Spaß, das ärztliche Personal ist gefrustet. Auf der anderen Seite kann Patienten nicht sichergestellt werden, dass die Notaufnahme, die Station oder der Kreissaal besetzt sind.

Unter dieser Situation leiden nicht nur wir Ärzte, sondern vor allem die Patienten. Es kam schon vor, dass wir schwangeren Frauen zur Entbindung in andere Krankenhäuser schicken mussten, da der Kreissaal am Wochenende aufgrund Personalmangel geschlossen bleiben musste. Insgesamt und als Konsequenz kann die Versorgungssicherheit im Gesundheitssystem nicht gewährleistet werden. Genau in solchen Situationen soll SeDiDoc aushelfen und ein fester Bestandteil der Versorgungsstrukturen werden!

Wie funktioniert SeDiDoc?

SeDiDoc ist eine Online-Vermittlungsplattform für Ärzte, die automatisiert, das heißt, ohne Schnittstellen und Medienbrüche, funktioniert. Die Ärzte und Krankenhäuser melden sich an, erstellen persönliche Profile und geben an, wann sie welchen Arzt benötigen und welchen Stundenlohn sie dafür zahlen.

Durch ein automatisches Matching-Verfahren wird dieser Auftrag an alle passenden Ärzte weitergeleitet, die den Auftrag dann annehmen können. Anschließend wird automatisch ein Vertrag generiert und nach abgeschlossenem Dienst wird der Arzt dann vom Krankenhaus entlohnt und es wird eine Rechnung generiert. Einfach, unkompliziert und ohne Kopfschmerzen!

Wann hast Du den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt?

Im Jahr 2018 habe ich meinen Job als Ärztin in Düsseldorf gekündigt und bin nach Leipzig gezogen, um SeDiDoc zu gründen. Dort habe ich dann glücklicherweise mein Team, Daniel und Maurice, gefunden, die die Software entwickeln und mir den Rücken freihalten, während ich SeDiDoc voranbringe. Wir entwickeln und designen die komplette Software selber.

Die Plattform existiert als Prototyp schon seit einem Jahr und wurde von Daniel im Rahmen seiner Masterarbeit als Prototyp entwickelt. Aktuell sind wir dabei, sie weiterzuentwickeln und alle logischen Elemente aufzugliedern. Dadurch wird die Effizienz skalierbar. Wir haben durch die Website schon erste Kunden und erste Aufträge gewonnen und entwickeln uns stetig weiter.

Was war deine Motivation zur Gründung von SeDiDoc?

70 Prozent aller Medizinstudenten sind Frauen. Führungspositionen haben aber nur 10% der Frauen inne. Wieso ist das so?

Insbesondere Ärztinnen erleiden einen Karriereknick und können ihre berufliche Kontinuität nicht aufrecht erhalten- häufig wegen der Familienplanung. Die Weiterbildung nach dem sechsjährigen Studium dauert noch einmal fünf bis sechs Jahre. Das Problem ist, dass die meisten Frauen mit 25 bis 35 Jahren ihre Kinder bekommen möchten, was einen Bruch in der gesamten Karriere bedeutet. Der Weg zurück in den Ärztealltag ist dann nur mühsam wieder bewältigbar.

In der Zwischenzeit werden die oberen Etagen weiterhin von Männern dominiert, die die Strukturen nicht verändern und damit weiterhin keine weiblichen Ärztinnen es bis in die Chefetage schaffen. Das ist wie ein Teufelskreis.

Mit SeDiDoc können Ärztinnen auch während ihrer Familienplanung immer wieder kurzfristig und bei Zeit mit ihrem Beruf verbunden bleiben, dazu lernen und Geld verdienen.

Auch für frischgebackene Ärzte in der Pause nach dem Studium sind solche Dienste wertvoll. Meistens sind in solchen Bereitschaftsdiensten auch keine komplizierten OPs notwendig, und selbst wenn, dann gibt es immer zuständige, in Rufbereitschaft stehende Fach- und Oberärzte.

Eine weitere Gruppe sind die Ärzte im Ruhestand, die sich gerne noch weiterhin bei Zeit flexibel einbringen würden. Mit SeDiDoc können wir alle potentiellen Helfer erreichen und zu einer Versorgungssicherheit beitragen. Das ist für alle Seiten ein riesiger Fortschritt!

Wie kommuniziert ihr SeDiDoc an Ärzte und Krankenhäuser?

Da SeDiDoc ein Nischenprodukt im Gesundheitswesen ist, können wir nicht flächendeckend Werbung schalten. Wobei wir immer mehr merken, dass jeder einen Arzt kennt und so SeDiDoc weiterempfiehlt. Wir arbeiten viel mit Online Marketing und sozialen Medien, um angehende Ärzte meist schon während ihres Studiums für unsere Plattform abzuholen.

In Fachzeitschriften publizieren wir Fachartikel, in denen wir auf diese aktuellen Missstände in der weiblichen Ärzteschaft hinweisen und mit der Plattform direkt die Lösung mit an die Hand geben. Die Dreh- und Angelpunkte sind jedoch strategische große Partner, die uns flächendeckend weitervermitteln können.

Neulich haben wir auf MDR einen Radiobericht über diese Situation geschalten und dort SeDiDoc mit eingebracht. Es ist immer hilfreich, wenn die Leute bei einer solchen Plattform die Story dahinter kennen, um die Notwendigkeit zu erkennen.

Was macht SeDiDoc so wichtig für unser Gesundheitssystem?

Deutschland muss dringend etwas tun, um die Gesundheitsbranche auf das nächste Level zu bringen. Es kann nicht sein, dass Apple mit ihren Health-Technologien aktuell mehr verdient als durch ihre technischen Produkte. Ich sage: Das schaffen wir doch auch selbst. Wir müssen nur das bestehende, sehr veraltete bürokratische System durchbrechen. Könnt ihr euch vorstellen, dass wir aktuell noch mit Faxgeräten arbeiten…? Irgendwann muss das deutsche Krankenhauschaos mal aufgeräumt werden – Mit SeDiDoc habe ich den ersten Schritt gemacht und hoffe, damit viele Ärzte und Krankenhäuser zu erreichen.

Es ist an der Zeit, nicht wieder die aktuelle Situation zu beschreiben, sondern zur Tat zu schreiten.

Es gibt sicher viele Startups, die das Problem schon erkannt haben, sich dann aber vom Bürokratiedschungel abschrecken lassen. Man muss sich schon ein bisschen durchkämpfen, aber der Schritt lohnt sich! Meine Vision ist, dass die Großkonzerne uns Startups endlich den Zugang zu Innovation geben und den Weg frei machen. Es war nie deren Anspruch, flexibel zu sein, das ist die Aufgabe von uns jungen, kreativen und innovativen Visionären.

Liebe Dilan, vielen Dank für das spannende Interview und viel Erfolg mit deinem Vorhaben!

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