JENETRIC – mehr als die bloße Erfassung von Identitätsdaten

Dem Biometrie-Unternehmen aus Jena geht es vielmehr um die Interaktion zwischen Mensch und Maschine zu Gunsten der Nutzer. Anstatt sich nur auf die funktionellen Parameter zu konzentrieren, hat JENETRIC mit seinem einzigartigen Fingerabdruckscanner einen ganzheitlichen Lösungsansatz in Bezug auf das Produktdesign gewählt. Die Motivation dazu kam den Gründern Roberto Wolfer und Dirk Morgeneier bereits 2011 bei einem Aufenthalt in Indien. 

1. Hallo Herr Wolfer, schön, dass Sie sich Zeit für ein kurzes Interview mit uns nehmen. Bitte stellen Sie sich unseren Lesern einmal kurz vor.

Mein Name ist Roberto Wolfer und zusammen mit einem ehemaligen Kollegen Dirk Morgeneier haben wir 2014 die JENETRIC GmbH gegründet. Wir sind beide Gründer, Gesellschafter und natürlich auch Geschäftsführer. Während mein Kollege für Forschung und Entwicklung zuständig ist, kümmere ich mich um Marketing und Vertrieb. Das hat auch ein bisschen mit unserer Historie zu tun.

2. Was hat Sie beide zu diesem Produkt geführt?

Wir sind in der jetzigen Branche schon relativ lange unterwegs und haben festgestellt, dass die Branche technologisch etwas stehen geblieben ist, vor allem was Innovation, neue Technologien und neue Möglichkeiten biometrische Merkmale aufzunehmen anbelangt.

jenetricAls wir dann 2011 die Nutzung unserer Geräte in Indien gesehen haben, konnten wir auch den Praxisbezug dazu sehen. Man muss sich vorstellen: In Indien gibt es keine Pässe oder Personalausweise. Viele Menschen waren statistisch nicht erfasst. Beginnend in 2011 hat die indische Regierung begonnen, die 400 Millionen Ärmsten biometrisch zu erfassen, und zwar mit biometrischen Fingerabdrücken, Iris und Gesichtsbild. Inzwischen wurde das Programm so erfolgreich, dass die gesamte Bevölkerung von 1,3 Milliarden registriert wurde. Jedes Mal wenn jemand ein Bankkonto eröffnet oder einen Handyvertrag abschließt, muss er sich mittels Fingerabdrücken oder der Iris und einer ID-Nummer identifizieren. Diese System stellt also gewissermaßen das indische Einwohnermeldesystem dar. Eine Vielzahl der Menschen in Indien kann weder lesen oder schreiben kann, sind sie mit solchen Gerätschaften schlichtweg überfordert. Selbst diejenigen, die als Bediener fungierten, konnten nur begrenzt Hilfestellung geben. Wir wussten: Es brauchte intelligente Geräte, die dem Nutzer helfen den Aufnahmeprozess so zu vereinfachen, dass er gar keine Hilfe von Dritten benötigt. Aus diesen und weiteren Marktbedürfnissen sind die heutigen Produkte entstanden, welche in unserer Branche einen großen Schritt von Produkten für Experten hinzu Produkten für jedermann darstellen.

3. Wie ist es Ihnen gelungen die FBI-Standards einzuhalten?

Den Standard hat das FBI ungefähr Mitte der 90er Jahre entwickelt und seither immer weiter fortgeschrieben. Man könnte fast schon sagen, dass er sich als Weltstandard für die Bildqualität von Geräten zur Fingerabdruckaufnahme etabliert hat. Damit möchten die Behörden sicherstellen, dass egal welches Gerät benutzt wird um Fingerabdrücke aufzunehmen, die Resultate der Fingerabdrücke tatsächlich immer eine konsistente sehr gute Qualität aufweisen. So können diese Fingerabdrücke mit anderen Fingerabdrücken, von anderen Geräten, ohne Probleme verglichen werden.

Die Herausforderung unserseits war, dass wir eine komplett neue Aufnahmetechnologie entwickelt haben. Schließlich es ist uns nicht nur gelungen, dafür die FBI Zertifizierung zu erhalten, sondern wir waren auch die Ersten, die in der Kategorie ,,mobile Anwendungen’’ ein Gerät zertifizieren konnten. Das hat natürlich unsere Produktstrategie bestätigt.

4. Wie benutzerfreundlich ist euer Gerät?

Das Gerät funktioniert so, dass der Nutzer, ohne Hilfe von außen, genau weiß, was zu tun ist. Das betrifft auch die kulturellen Aspekte, d.h. es sollte keine Rolle spielen, wo unsere Nutzer herkommen, welche Sprache sie sprechen oder welchen Bildungsstand sie haben. Wir haben lange mit dem Usability Lab der TU Chemnitz zusammengearbeitet, um die Benutzerfreundlichkeit zu testen. Letztlich ist die Benutzerführung in vielen Iterationen immer reduzierter geworden, immer einfacher, immer abgespeckter.

5. Wie wichtig ist das Siegel „made in Germany“ für ein derartiges Produkt? 

Die Geräte werden komplett in Deutschland hergestellt. Einzig ein wichtiges Bauteil der Geräte kommt aus Asien, da es dafür keinen europäischen Hersteller gibt,

Uns ist „Made in Germany“schon wichtig, denn viele unserer Kunden legen immer noch sehr viel Wert auf das Siegel. Im Übrigen hat die Herstellung in Deutschland auch den Vorteil, das insbesondere bei der Einführung einer völlig neuen Technologie eine enge Abstimmung zwischen den Lieferanten und Produktionspartnern möglich wird.

6. In welchen Bereichen kommt euer Produkt vorrangig zum Einsatz?

Wir bezeichnen den typischen Einsatzbereich unserer Geräte als hoheitlichen Bereich, sprich überall wo höchste Sicherheit für die Identifizierung von Personen notwendig ist. Wir bedienen Regierungsbehörden weltweit – das sind beispielsweise das Innenministerium, das Außenministerium usw. und natürlich jede Art von Polizeibehörde, die unsere Geräte für die Feststellung der Identität nutzen.

7. Wie sind die Erfahrungen beim Vertrieb von so komplexen Produkten? 

Wir bedienen einen speziellen Markt, den man einfach kennen muss. Üblicherweise verkaufen wir unsere Produkte nicht direkt an die Behörden, sondern an sogenannte Systemintegratoren, die dann wiederum unser System in ihre Software integrieren. Diese Unternehmen verkaufen die Gesamtlösung an die Behörden. So handhaben wir das weltweit. Es handelt sich hierbei schon um einen echten Nischenmarkt. Aufgrund unserer beruflichen Historie kennen wir glücklicherweise viele Mitstreiter im Markt und haben die wichtigsten Parnerr bereits von Anfang an an der Entwicklung teilhaben lassen.

8. Wie schwer ist es, Mitarbeiter zu finden, die sich mit der Thematik auskennen?

Wenn man unsere Aktivität rein technisch betrachtet, entwickeln wir,,nur’’ Kameras. Unsere Mitarbeiter sind demzufolge Spezialisten in der Bildverarbeitung und Optikentwicklung. Jemand der beispielsweise Physiker ist und sich auf das Gebiet Optik spezialisiert hat, der kann bei uns liebend gern einsteigen. Anders sieht es im Vertrieb aus. Da brauch man jemanden, der den Markt seit vielen Jahren kennt und bereits umfangreiche Kontakte in der Branche hat.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es relativ einfach ist Hardware-Ingenieure zu finden, wenn man frühzeitig Studenten als Praktikanten oder Masteranden in seine Richtung ausbildet. Softwareingenieure hingegen ist ein bisschen wie die Nadel im Heuhaufen zu finden und dass schon an den Hochschulen.

Hinzu kommt, dass es für viele immer noch sehr attraktiv ist bei größeren Unternehmen wie Bosch oder BMW anzufangen. Nicht nur des Gehaltes wegen, sondern auch aufgrund des Umfeldes und der vermeintlichen Sicherheit. Bei uns als Start-up kann man sich hingegen voll entfalten und Produkte entwickeln, die es anderswo weltweit noch nicht gibt. Unsere Mitarbeiter sind nicht ,,nur einer von vielen“ sondern spielen in ihrer Position eine entscheidende Rolle im Unternehmen, sei es in der Entwicklung, der Produktion oder dem Vertrieb.

9. Gibt es bestimmte Ratschläge oder Tipps, die Sie anderen Gründern mit auf den Weg geben können?

Am Anfang nicht zu schüchtern sein, um nach einem großen Investment zu fragen. Im Endeffekt zählt nur der Erfolg. Aus Mangeln an finanziellen Rücklagen hat man als Startup den unbedingten Zwang zum Erfolg, der sich sehr rasch einstellen muss. Anderseits  sind die Überlebenschancen des Unternehmens gering. Es mag attraktiv und bescheiden sein, scheibchenweise geringe Investitionen einzuwerben. Allerdings geht dabei sehr viel Zeit und Kraft mit der Investorensuche verloren, die man besser in die Produktentwicklung  und –vermarktung investieren sollte.

Wir danken dir für das ausführliche und ehrliche Gespräch und wünschen dir und dem Team weiterhin viel Erfolg!