Infrasolid: Die Glühlampe neu erfunden

Startup Infrasolid
Das Team von Infrasolid: Marco Schossig, Tobias Ott und Benjamin Buchbach (v.l.n.r.).

Ein Interview von der HighTech Startbahn:

Heute begrüßen wir Marco Schossig und Benjamin Buchbach von Infrasolid bei uns. Hallo Marco und Benjamin! Stellt euch doch bitte kurz vor.

Wir sind Marco Schossig — technischer Geschäftsführer und Benjamin Buchbach — kaufmännischer Geschäftsführer der Infrasolid GmbH. Gemeinsam mit Tobias Ott haben wir im Mai 2017 die Infrasolid GmbH als Spin-off des Instituts für Festkörperelektronik der TU Dresden gegründet.

Was ist Infrasolid? Womit beschäftigt ihr euch?

Infrasolid hat grundsätzlich die Glühlampe neu erfunden. Und zwar nicht dafür, dass man im Dunkeln damit sehen kann, sondern um den Infrarot-Fingerabdruck von Stoffen zu analysieren. Denn so wie jeder Mensch einen Fingerabdruck hat, der ihn einzigartig und identifizierbar macht, haben auch alle Stoffe einen Fingerabdruck im infraroten Bereich. Der infrarote Bereich des Lichtspektrums liegt außerhalb des für Menschen sichtbaren Lichts. In diesem Bereich kann man nahezu alle Gase, Flüssigkeiten und Feststoffe identifizieren und messen.

Um es ein bisschen plastischer zu erklären: möchte man beispielsweise den Kohlendioxidgehalt im Raum ermitteln oder mittels der Ausatemluft Aussagen über den Gesundheitszustand eines Menschen treffen, so kann man dies mithilfe von Infrarotspektroskopie. Außerdem kann man mittels dieser Technologie herausfinden, ob bestimmte Lebensmittel frisch sind und welche Inhaltsstoffe sich darin befinden, aber auch giftige und brennbare Gase wie Kohlenstoffmonoxid oder Methan ermitteln und detektieren, bevor es zu Unglücken kommt.

Derzeit werden für derartige Anwendungen in der Industrie verschiedenste Infrarot-Lampen eingesetzt, die alle diverse Nachteile haben, die wir mit unseren neuartigen, miniaturisierten Lichtquellen — so nennen wir unsere “neuen Glühlampen” − aufheben. Unsere Lichtquellen sind so klein, dass sie in ein Smartphone passen und dabei so leistungsstark, dass damit sinnvolle Messungen möglich werden. Dank 65 Prozent Kostenvorteil gegenüber aktuellen Lösungen wird der Transfer von Industrieprodukten in den Consumer-Bereich möglich. So können unsere Kunden ganz neue Anwendungsbereiche und Märkte erschließen. Dank unserer Technologie kann bald jeder mit seinem Smartphone Messungen durchführen, die bisher der Industrie und Laboren vorbehalten sind.

Wie kam es dazu? Wie entstand die Idee?

Marco hat sich während seines Studiums der Informationssystemtechnik an der TU Dresden auf den Gebieten Mikroelektronik und Infrarotmesstechnik spezialisiert. In seiner Promotionszeit hat er die Grundlagentechnologie entwickelt und zwei Patente dafür angemeldet. Auf die Patentanmeldungen gab es eine Anfrage aus der Industrie, die den Stein für die Unternehmensgründung ins Rollen brachte. Das hat ihm gezeigt, dass es einen Bedarf für Infrarot-Lichtquellen gibt und so fing Marco an, sich ein Team zu suchen.

Wo wird eure Technologie eingesetzt?

Unsere Lichtquelle ist ein Bauteil für diverse hochpräzise Messgeräte. Unsere Kunden sind Messgeräte- und Sensorenhersteller, die in vielen verschiedenen industriellen Bereichen aktiv sind, wie z.B. in der Öl- und Gasindustrie, der chemischen Industrie, im Lebensmittelbereich, in der Medizintechnik sowie im Umweltschutz und der Sicherheitstechnik. Hier werden zukünftig tragbare Messgeräte eine immer größere Rolle spielen. So wie beispielsweise die Feuerwehr Messgeräte nutzt, um brennbare Gase frühzeitig zu identifizieren. Oder die Polizei zum Messen des Atemalkohols. Oder auch Experten im Labor, die damit verschiedene Stoffe analysieren, Medikamentenzusammensetzungen prüfen und auch Schadstoffe ermitteln können. Es ist ein sehr breites Spektrum.

Durch unsere Bauteile wird es zukünftig möglich sein, viele dieser Messgeräte genauer, kleiner, energiesparsamer und kostengünstiger zu machen, wodurch es möglich wird aus dem Industriebereich in den Endkundenbereich vorzudringen — z.B. mit dem Smartphone. Apps werden auf Daten zugreifen, die ein Telefon heute noch nicht zu erfassen imstande ist. Das Smartphone wird unter anderem zum Rauchmelder und Gefahrenalarm. Und jeder kennt das Gefühl, wenn man einen Raum betritt, in dem stickige Luft ist. Das daraus resultierende Problem der Konzentrationsschwäche wird es nicht mehr geben, da das Smartphone melden wird: „Zu viel CO2 im Raum — bitte lüften.“ Außerdem entfällt die Unsicherheit, welche Inhaltsstoffe sich wirklich in Lebensmitteln und Medikamenten befinden.. Man wird diese mit dem Smartphone scannen können und erfährt binnen weniger Sekunden, wichtige Informationen Solche und weitere Anwendungen werden mithilfe unserer Lichtquelle als Bauteil in Zukunft möglich sein.

Was sind eure nächsten Schritte?

Wir haben bisher schon extrem viel geschafft und die Nachfrage nach unseren Lichtquellen nimmt stetig zu. Deswegen ist es jetzt wichtig, dass wir unsere Technologie weiter skalieren können, dass wir gute Leute einstellen und wachsen, um die Nachfrage auch bedienen zu können. Und dafür ist es notwendig, dass wir in größere Räume umziehen und eigene Produktionskapazitäten aufbauen. Wir haben einen Business Angel, der uns inhaltlich und mit seinem Netzwerk sehr gut unterstützt und benötigen nun im zweiten Schritt zwei Millionen Euro, um den Break Even zu erreichen. Einen Lead Investor haben wir bereits an Board und nun sind wir auf der Suche nach einem Co-Investor, der unser Team unterstützt, unsere Technologie versteht und mit uns das Unternehmenswachstum vorantreiben möchte.

Derzeit kommen immer mehr Mittelständler auf uns zu, wollen unsere Produkte testen und einbauen. Wir führen Gespräche mit führenden Messgeräteherstellern in der Gasanalyse, sind auch in intensivem Kontakt zu einem Sensorhersteller für Smartphones, der verschiedene Anwendungen realisieren möchte und so ist der Weg, den wir derzeit beschreiten, sehr spannend.

Kommen wir zu den Learnings von Infrasolid. Was würdet ihr heute anders machen?

Fokus Fokus Fokus. Es ist ganz wichtig, dass man sich auf das fokussiert, was einem Geld bringt. Wir haben am Anfang zu viel nach den individuellen Kundenwünschen agiert und zu viel „ausprobiert“. Es ist besser, sich auf ein Produkt und einen Anwendungsfall zu konzentrieren und diesen konsequent durchzuführen und so in den Markt einzudringen. Das kann auch ein kleiner Nischenmarkt sein, wie in unserem Fall, weil es genau in diesem einen großen Bedarf gibt Das würde ich jedem raten. Nicht das Erstbeste nehmen, sondern die Anwendung, die Geld bringt und mit der man auch erfolgreich starten kann.

Eine weitere wichtige Lektion war, dass man auch mal nein sagen muss. Wir mussten lernen, einkommende Anfragen schnell und effektiv zu bewerten. Man kommt mit vielen Leuten in Kontakt — was auch wichtig ist, muss allerdings ganz genau herausfiltern, wer einem Mehrwert bringt und die Firma wirklich unterstützen kann. Der Aufbau eines Netzwerks und der Kontakt zu Mentoren, die einen fachlich bzw. inhaltlich unterstützen können, ist sehr wichtig. Auch der Austausch mit anderen Start-ups ist eine große Bereicherung. Hierbei muss man nur aufpassen, nicht zu viele zeitliche Kapazitäten und Ressourcen einzusetzen. Denn auch Gesprächszeit ist ein Investment und sollte sich irgendwann auszahlen. Darüber haben wir in letzter Zeit sehr viel gelernt und das haben wir am Anfang ein bisschen vernachlässigt.

Wo kann man euch demnächst antreffen? Wie kommt man mit euch in Kontakt?

Derzeit sitzen wir im Accelerator Programm des SpinLab in Leipzig, sind aber auch sehr viel unterwegs und sprechen mit Kunden. Treffen kann man uns am 18. April beim Investors Day der HHL und des SpinLab im Leipziger Zoo. Ansonsten ruft uns gern an oder schreibt uns eine Mail, damit wir in Kontakt kommen.

Vielen Dank für eure Zeit und maximale Erfolge!