Finde wieder, was Du liebst – Über das Leipziger Startup be on track

Sebastian Stoll verfolgt mit seinem revolutionären Schutzengel be on track die Vision, verlorengegangene demenzkranke Personen sicher und behütet wieder nach Hause zu bringen.

Was haben Fahrräder, Haustiere und alte Menschen gemeinsam? Sie gehen ganz gerne einmal verloren. Das Leipziger Startup be on track verfolgt mit seinem Ortungsgerät die Vision, Dinge zu schützen, die wir lieben – und im besten Fall sogar Leben zu retten! Wir haben für euch mit dem Gründer Sebastian Stoll gesprochen. 

Wann hast Du den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt?

Ich habe schon immer das Gefühl verspürt, dass ich später einmal selbstständig sein möchte, um echte Mehrwerte zu schaffen und Menschen zu helfen. Und im August 2018 war es nun soweit, dass ich meinen Job nach 14 Jahren gekündigt habe und mich ins ungewisse Risiko stürzte.

Seit Anfang 2017 habe ich nun versucht die Selbständigkeit vorzubereiten. Ich habe in meiner Freizeit potentielle Kunden befragt, was sie von der Idee halten, also eine klassische Marktanalyse betrieben. Das sollte man auf jeden Fall immer vorher machen, also seine Komfortzone verlassen, rausgehen und echte Kunden befragen. Die Menschen da draußen werden dir schon sagen, ob sie deine Idee gebrauchen können oder eher nicht. Diese Info ist essentiell, damit man nicht etwas entwickelt, was dann letztendlich gar keiner braucht.

Wie kamst Du auf die Idee zu be on track?

Als ich von einem Freund mitbekam, dass seine Großmutter an Demenz leidet und eine sogenannte „Hinlauftendenz“ aufweist, wurde ich aufmerksam. Sie wurde vermisst und erst nach mehreren Stunden wiedergefunden. Da dachte ich mir: Das muss doch in der heutigen Zeit nicht mehr sein! Wir sollten unsere modernen Technologien nutzen, um die Dinge und Personen zu schützen, die wir lieben.

Wie fühlt sich die neue Selbstständigkeit an?

Ich muss sagen, es ist ein geniales Gefühl und ich bereue nichts! So frei zu Arbeiten an etwas, was man mit voller Leidenschaft und Hingabe voranbringen möchte, bewirkt, dass man gerne arbeitet – auch mal abends oder nachts.

Ich hatte mir damals selbst die Entscheidung auferlegt. Wenn ich im Spinlab – The HHL Accelerator als eines von den wenigen Startups ausgewählt werde, dann glauben Menschen an meine Idee und auch an das Team dahinter. Und wie soll ich sagen, die erste Bewerbung hat direkt geklappt und ich habe dann zum schnellstmöglichen Zeitpunkt meinen Job gekündigt. Ich habe im Vorfeld mir sehr viele Gedanken gemacht, ob das der richtige Schritt ist oder nicht. Ob ich wirklich die Sicherheit aufgebe und in die Ungewissheit starten soll… Diese Frage habe ich mir schlussendlich fast immer mit JA beantwortet – und gab es nur noch eine Frage: Wenn nicht jetzt, wann dann?

In welcher Phase steckt der Schutzengel aktuell?

Aktuell stecken wir noch in der Prototypenphase und suchen einen Investor, der uns bei der Idee unterstützt. Zudem starten wir in Kürze eine Crowdfunding-Kampagne, um das Produkt bald marktfähig zu machen.

Ich bin permanent auf der Suche nach neuem Input und Ideen, um das Projekt weiterzuentwickeln. Nicht nur im SpinLab, sondern auch zu Hause und im Freundeskreis. Ich versuche, so vielen Menschen wie möglich von der Idee zu erzählen, um mir Ideen und Meinungen einzuholen. Leider denken immer alle neuen Gründer am Anfang, ich darf niemandem von meiner Idee erzählen – sonst klaut sie mir eventuell jemand. Ich kann aus Erfahrung sagen: Es wird dir so schnell keiner deine Idee klauen können! Ich gehe mit so viel Herzblut und  Engagement an die Sache heran, dass ich teilweise in der Nacht aufwache und Dinge aufschreibe, die mir gerade durch den Kopf gegangen sind. Und genau diese Leidenschaft kann niemand einfach „kopieren“…

Wofür kann man euren Schutzengel einsetzen?

Be on track ist quasi ein Schutzengel für alles und jeden, die man nicht vermissen oder verlieren möchte! Wir haben uns auf die drei Haupt-Use-Cases Fahrräder, Haustiere und demenzkranke Personen spezialisiert.

Aktuell kümmern wir uns um den Haupt-Use-Case Nr.1, die Menschen mit Demenz und der sogenannten Hinlauftendenz, da wir hier ein aktuelles Problem sehen und dringend eine Lösung gefunden werden muss, damit diese Menschen nicht zu Schaden kommen. Wir sehen nicht nur hier Handlungsbedarf, sondern auch bei den Themen gestohlene Fahrräder oder vermisste Haustiere. Diese Use-Cases werden wir zukünftig also auch noch angehen.

Wie genau funktioniert eure Ortungstechnologie?

Unser zukünftiger „Schutzengel“ beruht auf Narrowband-IoT Basis, abgekürzt NB-IoT genannt. Dies ist ein Mobilfunkstandard, der eine Batterielaufzeit von bis zu 10 Jahren ermöglicht und genau mit diesem Argument wollen wir uns von den Wettbewerbern abgrenzen. Viele der üblichen GPS Tracker, die sich auf dem Markt befinden, haben nämlich alle eins gemeinsam: eine geringe Batterielaufzeit von nur 1-2 Tagen.
Das heißt, man muss das Gerät bis zu 140x im Jahr aufladen. Und seien wir mal ehrlich: Mich nervt es schon, dass ich mein Smartphone aller 1-2 Tage aufladen muss und nun soll ich noch ein zusätzliches Gerät ständig aufladen? Und wenn ich den Tracker dann benutzen bzw. brauche ist er sicherlich alle. Mit unserem revolutionären NB-IoT Tracker ist das dann endlich Geschichte.

Wo sich der Sender gerade befindet, ist dann ganz einfach mittels Smartphone-App oder per Webbrowser nachvollziehbar. Für die Angehörigen von Menschen mit Demenz war auch ein Tablet im Gespräch, auf dem dann nur diese App installiert ist, mit der man einfach und schnell den Standort der vermeintlich vermissten Person herausfinden kann.

Wie sieht der Schutzengel denn aus?

Wie bereits erwähnt, befinden wir uns noch in der Prototyp-Phase. Unser kleinster Sender hat einen 4cm-Durchmesser und ist rund und relativ unscheinbar. Wir haben uns jedoch zum Ziel gesetzt, diesen zum endgültigen Markteintritt noch zu verkleinern, damit man ihn eventuell in Armbanduhren, Schmuckstücken oder Rucksäcken verarbeiten kann – Sodass der kleine Sender gar nicht auffällt und für den Notfall trotzdem immer mit dabei ist.

Mit unserem Schutzengel versuchen wir, die Unabhängigkeit der getrackten Personen zu bewahren und vermeiden eine Stigmatisierung. Wir handeln aus dem Hintergrund heraus – Die unsichtbaren Retter in der Not sozusagen! Dabei möchten wir niemanden überwachen, sondern die Angehörige und Pflegemitarbeiter im Notfall darüber zu informieren, wo die Person hingelaufen ist. Die Betroffenen können so ihren Hinlaufdrang ausleben und werden sicher und behutsam wieder eingesammelt.

Wie sehen das die getrackten Personen?

Die wichtigste Voraussetzung für die Verwendung unseres Produktes ist natürlich das Einverständnis der getrackten Personen. Da dies sich aber bei Menschen mit Demenz als schwierig erweist, haben wir rechtlich einmal bei einer Amtsrichterin in Leipzig & Oberhausen nachgefragt. Leider gibt es hier keine eindeutige Regelung. Jeder Amtsrichter kann hier anders entscheiden. Diese beiden Frauen haben aber unabhängig voneinander das Gleiche gesagt: Es ist für sie keine freiheitsentziehende Maßnahme, es wirkt einer Fixierung der Person entgegen und somit würden sie diese Lösung immer befürworten.

Wir möchten den Schutzengel außerdem nur aktivieren, wenn es wirklich nötig ist, das heißt, sobald die vermisste Person sich auch wirklich auf Wanderschaft befindet. Ab da zählt nämlich jede Sekunde. Solche gefährlichen Situationen können wir mit unserem Schutzengel in Zukunft schnell auflösen und den Angehörigen die Angst nehmen.

Konnte der Schutzengel schon vermisste Personen wiederfinden?

Aktuell führen wir mehrere Tests mit unterschiedlichen Personen durch und ich kann mit Stolz berichten, dass wir nun schon drei Mal eine vermisste Person innerhalb von wenigen Minuten wiedergefunden haben und sie sicher zurückbringen konnten! Es war keine Polizei notwendig, was wiederum auch Unmengen an Steuergeldern spart. Denn im Normalfall werden dann meist Hubschrauber und die Hundestaffel eingesetzt, um die vermisste Person wiederzufinden. Selten führt das allerdings zu einem schnellen Auffinden des Menschen mit Demenz, was wiederum dazu führen könnten, dass sie zu spät gefunden wird… und genau das wollen wir verhindern.

Welche Vision verfolgt ihr langfristig?

Es wäre toll, wenn wir es mit unserem Vorhaben schaffen, dass Menschen eben nicht zu spät gefunden werden, wenn wir zukünftig den Fahrraddieben in Leipzig, oder besser deutschlandweit das Handwerk legen können und wenn wir den Haustierbesitzern ihr geliebtes Familienmitglied wieder sicher zurückbringen können – Quasi die Welt ein bisschen sicherer machen können.

Langfristig würden wir be on track auch gerne als eine Lost & Found-Plattform etablieren und dort nicht nur unsere eigenen, sondern auch fremde Sender dort zum Kauf und Vergleich anbieten. Wir möchten gerne der Ansprechpartner sein, wenn es darum geht etwas mit einem Trackinggerät zu beschützen. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir eben den Leuten dabei helfen, ihre verlorenen oder vermissten Gegenstände und Personen wiederzufinden. 

Ich habe jetzt selbst diese Woche schon zwei Mal eine Person mit Demenz, die eines unserer Testgeräte trägt, dank des Schutzengels wiedergefunden und sicher nach Hause bringen können. Und dieses Gefühl, vielleicht sogar ein echtes Leben gerettet zu haben, ist einfach unbeschreiblich! Genau aus diesem Grund bereue ich meine Kündigung nicht.

Vielen lieben Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

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