Dresdner Startup IN HARMONY: Tinnitus lindern mit Lieblingsmusik

Viele Deutschen kennen es: Dieses lästige, stressbedingte Fiepsen im Ohr, dass einen manchmal einfach nicht in Ruhe lassen will. Bisher arbeitet die Forschung stark daran, das Ohrgeräusch zu bekämpfen. Dabei kommen unter anderem Hörgeräte oder pflanzliche Ginkgo-Mittel zum Einsatz. Doch es geht auch einfacher: Mit Klängen kann man gegen den Tinnitus vorgehen, dazu braucht man nur ein Smartphone und Kopfhörer. Wir haben einer der drei Gründer, Wolfram Eberius, des Dresdner Startup IN HARMONY interviewt, um mehr darüber herauszufinden. 

Wie kamt ihr auf die Idee, Tinnitus heilen zu wollen? Steckt da eine persönliche Erfahrung dahinter?

Die Idee unseres Verfahrens stammt von einem HNO-Arzt. Ganz neu ist sie aber nicht: schon in Bedrich Smetanas Streichquartett „Aus meinem Leben“ versucht Smetana, seinen eigenen Tinnitus in die Komposition einzubauen. Auch Hörtherapeuten berichten davon, den Ton durch Pfeifen eines Liedes in der Tonart des Tinnitus zu umspielen und damit vom störenden Ton ablenken zu können.

Wie genau wollt ihr das anstellen? Wird dauerhaft ein bestimmter Ton abgespielt?

Nicht ganz. Unsere Nutzer können ihre eigene Musik selber mitbringen und mit dieser arbeitet unser Algorithmus. Perspektivisch wäre es vorstellbar, dazu bspw. seinen Spotify-Account zu verwenden. Wir machen dann drei Sachen: wir bieten ein Tool an, mit dem sich der Tinnituston ganz genau bestimmen lässt. Dann analysieren wir die Lieblingsmusik des Nutzers und suchen nach wichtigen Tönen der Lieder, bspw. dem Grundton des Liedes. Dann passen wir jeweils die Musik dem Tinnituston an.

Wie hat euch die TU Dresden bei der Entwicklung geholfen?

Martin und Matthias forschen schon seit fünf Jahren an der TU, nicht nur zu tonalem Tinnitus, auch zu anderen Formen, wie etwa Rauschtinnitus. Der tonale Tinnitus ist der erste, dessen wir uns annehmen.

Wie wollt ihr das Produkt auf den Markt bringen? In Form einer Software?

Genau, es wird eine klassische App geben. Für behandelnde Ärzte und Akustiker kommt noch eine umfangreichere Desktop-Anwendung dazu, sozusagen die Professional Version. Damit kann dann der z.B. Behandlunsgverlauf protokolliert und dokumentiert werden. Für Menschen, die keine Smartphones nutzen, kann der Therapeut auch angepasste Musik auf einem Speichermedium mitgeben, z.B. auf einer CD.

Habt ihr vor, Kooperationen mit Apotheken oder Ärzten einzugehen?

Das ist mittelfristig auf jeden Fall das Ziel. Wir wollen, dass die Betroffenen neben der Behandlung des Symptoms, des Tinnitustons, auch einen Arzt aufsuchen, um nach möglichen Gründen des Tinnitus zu suchen und Begleiterscheinigunge zu behandeln, das können z.B. Depressionen sein. Wir können das Symptom Tinnitus erträglich machen, ein Schmerzmittel ersetzt aber keinen Arzt.

Kann Tinnitus mit eurem Produkt langfristig geheilt werden?

Das wäre recht spekulativ. Bisher konnte noch kein medizinischer Ansatz dieses Versprechen halten. Vielleicht kann aber eine langfristige Verbesserung erzielt werden. Dazu müssen wir eine Langzeitstudie durchführen lassen und die Wirkung beobachten. Das momentane Versprechen ist die Linderung, und zwar sofort. In einer Untersuchungsreihe hat sich gezeigt, dass die Patienten dafür sehr dankbar sind und der Effekt auch etwas nach der Behandlung nachhält, den Tinniuts also temporär beruhigt.

Habt ihr schon erste positive Rückmeldungen bekommen?

Ja, absolut. Die erwähnte Untersuchungsreihe hat gezeigt, dass bei fast allen Patienten eine sofortige Schmerzreduktion erfolgt.

Gibt es eine Möglichkeit, euer Produkt probezutesten?

Noch nicht, hoffentlich bald. Zuerst muss die Software zum Medizinprodukt zertifiziert werden, so sind die Regeln. Aber Interessierte können bei uns an der TU Dresden oder im SpinLab Leipzig gern vorbeikommen. Auf unserer Landing-Page dürfen sich Interessenten jederzeit registrieren, um Neuigkeiten zu erfahren.

Wie habt ihr drei euch gefunden?

Martin und Matthias arbeiten ja schon länger zusammen. Ich habe hat mit Martin zusammen studiert und dann als Softwareentwickler gearbeitet. Außerdem sind wir alle Musiker.

Was war der schönste Moment eurer Gründungszeit?

Was ich besonders schön fand war unsere erste gemeinsame Reise, zur Tinnitus-Konferenz nach Regensburg. Da hatten wir einfach eine tolle Zeit, das war super für’s Team und wir haben viel netzwerken können. Ansonsten kann gesagt werden, dass Martin und ich zwar recht albern sind, aber: wenn dann Matthias aus dem Nichts kommt mit seinen trockenen Witzen liegen wir in der Ecke und ergeben uns page1image3801984.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!