Schaden digitale Events der Startup Community? – Ein Interview mit Nicole Sennewald, Gründerin des KrämerLoft in Erfurt

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Nicole Sennewald ist Gründerin des Coworking Space KrämerLoft in Erfurt. Sie kennt sich mit Communitys aus. Wir haben mit ihr über die Auswirkungen von digitalen Veranstaltungen auf Startup Communitys gesprochen. (Foto: Konstanze Wutschig)

Durch die Corona-Krise haben deutsche Unternehmen einmal mehr zu spüren bekommen, dass die Digitalisierung unaufhaltsam ist. Bei all ihren Vorzügen fällt jedoch auch auf: Etwas fehlt. Was genau dieses etwas ist, darüber haben wir mit der KrämerLoft Gründerin Nicole Sennewald gesprochen. In ihr Coworking Space in Erfurt kehrt die Community langsam zurück, viele Veranstaltungen finden aber weiterhin digital statt. Ein Interview über Vor- und Nachteile dieses Konzepts. 

Nicole, du hast vor einigen Jahren das KrämerLoft gegründet, ein Coworking Space in Erfurt. Was hat dich dazu bewegt? 

Ich habe mich nach fast 15-jähriger Anstellung 2015 im Bereich Online Kommunikation selbstständig gemacht. Wie viele andere auch habe ich als Freiberuflerin begonnen im Homeoffice zu arbeiten. Ich schätzte es keine Fahrtzeiten mehr zur oder von der Arbeit zu haben. Als kreativer Kopf habe ich aber sehr schnell gemerkt, dass mir da auch etwas Wichtiges fehlte. Ich vermisste den Austausch und die Impulse durch andere. 

Es fiel mir auch schwer Arbeit und Freizeit zu trennen im Homeoffice. Also suchte ich nach Möglichkeiten flexibel Austausch und Wissenstransfer mit einer Community zu haben, aber auch mal von zu Hause aus zu arbeiten. So kam ich sehr schnell auf das Thema Coworking. Als ich dann 2015 das erste Mal auf der COWORK in Hamburg war, war ich vollends vom Coworking-Virus infiziert und wollte so einen Ort in Erfurt schaffen. 

Ich vermute, dass auch du und die Community die Corona-Krise spüren konntet? 

Wir sind nach ca. zwei Monaten Dornrösschenschlaf wiedererwacht. Die Coworker sind mittlerweile größtenteils wieder zurückgekehrt. Wir hatten nie richtig geschlossen, die Nutzer unserer Teambüros haben sich tageweise aufgeteilt und waren natürlich vereinzelt Vorort. Aber Tagestickets und Meetingräume wurden so gut wie gar nicht nachgefragt. Vereinzelt kam mal jemand vorbei und hat sich für einen halben Tag in ein Tagesbüro eingebucht, weil er im Homeoffice wegen der parallelen Kinderbetreuung keine Ruhe finden konnte. Durch unser bereits komplett digitalisiertes Buchungs-, Zutritts- und Zahlungssystem war das ohne Probleme kontaktlos möglich.

Die ruhige Zeit während des Lockdowns haben wir genutzt und haben begonnen, die neu angemieteten Flächen im Nachbarhaus zu sanieren. Zum Jahresbeginn haben wir einen Mietvertrag für weitere Flächen unterschrieben, die wir nun bis zum Jahresende in Teilabschnitten fertigstellen und eröffnen werden. Wir werden dann unsere Flächen mehr als verdreifacht haben, auf über 1400 m² gewachsen sein und sind dann mit ca. 120 Arbeitsplätzen Thüringens größtes Coworking Space.

Wir werden also in Zukunft sehr viel mehr Platz für noch mehr Community haben. Viel Raum für innovative Ideen, kreative Workshops und Austausch zwischen Gründern und dem Mittelstand. 

KrämerLoft Erfurt - Workshop
Das KrämerLoft in Erfurt ist einer der zentralen Anlaufstellen für Startups in Thüringen. Das Loft bietet Raum für Workshops, Austausch und natürlich Coworking. (Foto: Konstanze Wutschig)

Ihr seid größtenteils auf digitale Formate für die Community umgestiegen, wie funktioniert das für euch? 

Wir haben einen Teil unserer Community Events in digitale Formate umgewandelt. So haben wir unser gemeinsames wöchentliches Mittagessen „Meet & Eat“ digital stattfinden lassen. Es ging dabei nur darum, die Community weiter im Austausch zu halten und ein offenes Ohr für die Themen der anderen zu haben. Jeder, der Lust hatte, hat sein Mittag selbst gekocht und sich per Google Hangout dazu geschaltet.

Auch das Thüringer Gründerfrühstück haben wir in die digitale Welt geholt. Normalerweise ist das ein Format, wo immer zwei bis drei Gründer einen Impuls zu ihrer Gründung geben und dann ein lockerer Austausch beim Frühstück stattfindet. Im digitalen funktionieren die Impulsvorträge natürlich problemlos. Aber der Netzwerkaspekt kommt dabei völlig zu kurz. Das spontane bilaterale Gespräch am Büffet findet da nicht statt. 

Die Diskussionen über die Vortragsthemen waren im digitalen auch deutlich gedämpfter als bei den Gründerfrühstücken Vorort. Teilweise haben Teilnehmer, ihre Kameras nicht eingeschaltet, um eine bessere Verbindung zu haben oder vielleicht auch, weil sie nicht gestylt waren. Das weiß ich nicht so genau. Man kann sich besser in einer anonymen Masse „verstecken“ und hört nur zu. Ein Teil nimmt also gar nicht an der Diskussion teil. Das hatten wir sonst so nicht.

Ich habe auch einen ½-Tages-Workshop digital durchgeführt. Auch hier, ist es schwierig, wenn nicht alle Teilnehmer, alle notwendigen Tools kennen, oder nutzen dürfen, sich darauf einlassen. Da haben wir noch einiges vor uns. Zum einen, was die Verbreitung und Offenheit gegenüber passenden digitalen Tools angeht und zum anderen macht uns auch oft die DSGVO einen Strich durch die Rechnung. Nicht alle nützlichen Tools sind DSGVO-konform nutzbar.

Was war noch schwierig an der Situation, und was lässt sich daraus schließen?

Vor allem auch bei längeren Workshops sind digitale Formate schneller anstrengend und ermüdend als Offline-Formate. Die Kopfhörer drücken und die Augen werden müde vom Bildschirm. Es sind deutlich mehr Pausen einzuplanen.

Mein aktuelles Resümee daraus ist, dass man durchaus Vorträge und Abstimmungsmeetings in einer Dauer von 1-2h sehr gut digital umsetzen kann. Ich halte das auch für sehr wichtig, dass wir nicht mehr für kleine Meetings x Stunden Auto- oder Zugfahren. Das ist für uns und den Erhalt unserer Umwelt ein wichtiges Learning.

Echter Austausch, Netzwerken oder kreative Workshops funktionieren face-to-face aktuell noch deutlich besser. Ich habe außerdem den Eindruck, dass in der digitalen Welt einiges in der nonverbalen Kommunikation, wie Mimik und Gestik, auf der Strecke bleibt und leichter zu Missverständnissen führt. Deshalb glaube ich auch fest daran, dass die Menschen weiterhin das Bedürfnis haben werden, sich face-to-face auszutauschen und zu treffen.

INFO-BOX 

Wir haben mit Prof. Dr. Hannes Zacher über dieses Phänomen gesprochen. Der Psychologe ist Forschungsleiter der Arbeitsgruppe Arbeits- und Organisationspsychologie am Institut für Psychologie an der Universität Leipzig.

Individuen und Soziale Gruppen haben eine lange historisiche Vorgeschichte wenn es um Interaktion mit anderen Individuen geht, die uns psychologisch startk geprägt hat. Wir sind darauf spezielaisert in Kleingruppen zu leben, weshalb unsere Psyche automatisch auf die subtilsten Reize der Kommunikation und Körpersprache in unserem Gegenüber achtet. Auch Geruchsreize und ein Gespür für Empathie spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Zusammentreffen in digitalen Räumen bezeichnet der Psychologe deshalb auch als „evolutionären Missmatch“, da diese Reize, auf die unser Gehirn zu reagieren trainiert ist, nicht wirklich übermittelt werden können.

KrämerLoft Erfurt - Coworking
Die meisten CoworkerInnen zieht der Community-Gedanke in Spaces wie das KrämerLoft. Durch Corona finden viele der etablierten Veranstaltungen digital statt, ersetzen können diese das Gemeinschaftsgefühl jedoch nur begrenzt. (Foto: Konstanze Wutschig)

Ist es möglich, dass die Digitalisierung – so viele Vorteile sie auch hat – Communities wie die des KrämerLofts zerstört? 

Nein, das glaube ich ganz und gar nicht. Wir sind soziale Wesen und suchen immer wieder den Kontakt zu anderen Menschen und echtem ehrlichen Austausch. Dafür braucht es aber Vertrauen. Das baut man einfacher und schneller zu jemandem auf, dem man auch ab und zu über den Weg läuft und mit ihm face-to-face Gespräche führt.

Wir merken das ja eigentlich auch schon ganz gut an den sozialen Netzwerken, wie Facebook etc. Das sind ja auch große Communities – oder wollen es zumindest sein. Es ist aber nicht die gleiche Art der Kommunikation, die dort betrieben wird. Dort kommt oftmals Wertschätzung zu kurz, der Ton ist schneller rau und aufgrund von Algorithmen bewegen wir uns nur noch in der eigenen Filterbubble. Da geht vieles verloren.

Die Digitalisierung kann dabei helfen schneller in Kontakt zu kommen und zu bleiben, zwischenzeitliche geografische Abstände zu überwinden und kurzfristig Informationen unkompliziert auszutauschen.

Digitale Tools sind also Instrumente, die die Mitglieder einer Community nutzen können, die sie aber keinesfalls ersetzen. Wir arbeiten mit digitalen Tools, um mit der Community regelmäßig zu kommunizieren. Informationen für die Community, wie z.B. Event-Termine oder Auftragsanfragen, veröffentlichen wir in unserem Slack-Workspace oder gemeinsame Aufträge bearbeiten wir zum Teil in einem Trello-Board.

Die meisten unserer Community-Mitglieder sind in den digitalen Medien auf uns aufmerksam geworden. Wir haben uns dort vernetzt, sie haben verfolgt, was wir so alles tun und wollten dann gerne Teil dieser Community werden.

Das eine schließt aus meiner Sicht das andere nicht aus, sondern ergänzt es ganz wunderbar. Coworker sind grundsätzlich digital affine Menschen. Die meisten von ihnen organisieren sich und ihr Business komplett digital bzw. ihre gesamte Geschäftsidee ist ein digitales Angebot. Hier hat keiner Angst vor der Digitalisierung. Wir gestalten die digitale Arbeitswelt mit.

Erzähl uns noch ein bisschen über deinen Coworking Space. Was ist das KrämerLoft für ein Ort, und wen trifft man normalerweise so an? 

Das KrämerLoft Coworking Space haben wir 2016 gegründet und im Februar 2017 haben wir nach 4-monatiger eigenhändiger Sanierung dann die Türen geöffnet. Wir haben sehr lange (über ein Jahr) nach einem Ort in Erfurt gesucht, der zentral liegt und den wir noch nach unseren Vorstellungen gestalten konnten. Mithilfe des Kulturlotsen der Stadt Erfurt haben wir dann das Hinterhaus, versteckt in einer kleinen vergessenen Gasse aber nur eine Minute vom Hauptbahnhof Erfurt entfernt, gefunden. Es war einfach „perfekt unperfekt“. Wir konnten den Eigentümer mit unserem Konzept überzeugen. Er hatte bis dato noch keine Verwendung für das mittlerweile seit 20 Jahren leerstehende Haus gefunden. Und so ließ er uns einfach machen. Das war toll!

KrämerLoft Erfurt - Impressionen I
Impressionen aus dem KrämerLoft. (Foto: Christin Schreiter)

Anfangs sind wir durch die auf drei Etagen verteilten 430m² gegangen und haben die Räume auf uns wirken lassen. Uns war es wichtig den Charme des um 1900 gebauten Hauses zu erhalten. Und da wir mehr handwerkliches Geschick als Geld auf dem Konto hatten, gingen wir sehr behutsam mit dem Haus um. Wir schliffen Dielen und Balken, strichen alte Fenster, Treppen, Türen und Fußböden, holten mehrere Schichten Tapete von den Wänden und klopften teilweise den maroden Putz von den Wänden. 

KrämerLoft Erfurt - Impressionen II
Impressionen aus dem KrämerLoft. (Foto: Christin Schreiter)

Den Ort haben wir so gestaltet, wie wir der Meinung sind, dass man auch sein Business grundsätzlich starten sollte. Wir hatten eine Idee und haben einen Prototype gebaut. Im Laufe der nun mehr 3,5 Jahre haben wir immer weiter gefeilt und verbessert. Wir haben unsere Nutzer immer wieder gefragt, was sie brauchen und sich wünschen und haben darauf reagiert. 

KrämerLoft Erfurt - Impressionen III
Impressionen aus dem KrämerLoft. (Foto: Konstanze-Wutschig)

Und was ist daraus entstanden?

Das Haus hat natürlich immer noch den perfekten unperfekten Charme aber wir haben die Ausstattung und Funktionalität der Räume immer wieder an die aktuellen Bedürfnisse der Nutzer angepasst. Flexibilität ist unsere Stärke. 

Dieses Unperfekte wiederum lässt die Nutzer der Räume entspannen und inspiriert sie zu neuen und auch mal unkonventionellen Ideen. Bei uns kann man sein, so wie man ist – unperfekt eben. Das bekommen wir sehr häufig von unseren Kunden als Feedback. Unsere Räume werden von Soloselbständigen, kleinen Startup-Teams, Angestellten und auch von Firmen zum Arbeiten oder für Meetings, Workshops und Events genutzt.

Dadurch treffen hier Menschen aufeinander, die sich ansonsten eher selten über den Weg laufen. Diese sehr heterogene Community ist sehr spannend und inspirierend.

Wie sieht die Zukunft des KrämerLoft aus?

In Zukunft möchten wir noch mehr den Austausch und das Matching zwischen Startups und Mittelstand fördern. Ich bin der Meinung, dass beide Seiten sehr gut voneinander lernen und profitieren können. Die einen bieten z. B. Innovationen, neue Arbeitskultur und sind digital sehr affin. Andere bieten z. B. Erfahrung und Unterstützung vor allem im Wachstum und wertvolle Kontakte. Wir möchten dabei unterstützen sich auf Augenhöhe zu begegnen und begleiten gerne diesen Matchingprozess.

In der Corona-Krise sind wir als Community noch weiter zusammengewachsen. Ich als Space-Betreiberin habe eine große Solidarität der Coworker untereinander aber vor allem auch mit dem Space wahrgenommen. Nur sehr wenige Coworker haben ihre Tarife ausgesetzt. Es gab eine durch die Community initiierte und getragene Crowdfunding Kampagne namens #gestehDeineLiebe für den Erhalt des KrämerLofts. Der Betrag, der zusammenkam, half auf jeden Fall erst einmal kurzfristig, um die starken Umsatzeinbrüche aus dem Meeting- und Eventgeschäft etwas zu kompensieren. 

KrämerLoft Erfurt - Community
Die Community ist das Herz eines jeden Coworking Space. Die CoworkerInnen des KrämerLoft haben sogar ein Crowdfunding gestartet, um den Einbruch in der Corona-Krise ein wenig abzufedern. (Foto: Konstanze Wutschig)

Wir schauen trotz aller Herausforderungen durch Corona in eine positive Zukunft. Wir sind überzeugt, dass Coworking für alle –  also sowohl für Startups als auch für Soloselbständige und auch Angestellte – Lösungen für die neue Arbeitswelt bietet. Für Startups ermöglicht Coworking größtmögliche Flexibilität für Wachstum, Netzwerk und Kontakte für Mentoring, Beratung und Finanzierung. Für Soloselbständige ist es Austausch mit Gleichgesinnten und eine profesionelle Infratsruktur, die ich zu Hause meist so nicht habe. Und für Angestellte gibt es vor allem die Möglichkeit am Wohnort zu Arbeiten, wenn der Arbeitgeber seinen Sitz woanders hat. Das bedeutet mehr Freizeit und eine bessere Ökobilanz. Alles Themen, die auch in Zukunft wichtig sein werden und sogar an Bedeutung gewinnen könnten.

*Alle Aufnahmen sind vor dem Ausbruch der Pandemie entstanden. 

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