Das Erfurter Startup fertigungs.team digitalisiert die Fertigungsindustrie

Am Modell einer virtuellen Fabrik ermöglicht die Technologie von fertigungs.team eine schnelle und effiziente Fertigung über ein Netzwerk. (Quelle: fertigungs.team GmbH )

Nicht alle mittelständischen Unternehmen kommen beim Thema Digitalisierung hinterher. Aus eigener Erfahrung weiß der Mitgründer von fertigungs.team Stephan Schulz, dass besonders im Bereich der Fertigungsindustrie noch immer lange analoge Wege zwischen den Herstellern und den Kunden liegen. Diesen Problemen wollen er und sein Team jetzt mit einer Software-Lösung trotzen. In einem Interview hat das Startup uns genauer erklärt wie. 

Erzählt zu Beginn von euch als Team! Wer seid ihr, und aus welchem Kontext kommt ihr?

Einer unser Gründer – Stephan Schulz – hatte 15 Jahre lang selbst ein Fertigungsunternehmen. Er kennt die täglichen Herausforderungen der Serienfertigung von industriellen Produkten. Wann liefert wer in welcher Stückzahl? Wie komme ich an Lieferanten für ein bestimmtes Teil heran? In der Praxis herrscht hier, gerade im Mittelstand, noch Optimierungsbedarf. Lieferzeiten werden nicht eingehalten, die Nachverfolgung der Artikel ist nicht zentral organisiert, die Kommunikation zwischen Lieferanten und produzierenden Unternehmen läuft immer noch per Telefon, E-Mail oder gar Fax.

Aus diesen täglichen Problemen heraus ist die Idee entstanden, diese Prozesse für alle Seiten einfacher zu gestalten. Die Fähigkeiten, diese Probleme über smarte Digitalisierung zu lösen, stellt unser zweiter Gründer Marcel Jaeschke bereit. Er hat über viele Jahre am Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) derartige Softwarearchitekturen entwickelt und gemeinsam mit großen Industrieunternehmen in der Praxis erprobt.

Mitgründer und Geschäftsführer Stephan Schulz. (Quelle: fertigungs.team GmbH)

Unser Team wird ergänzt durch Gudmundur Eiriksson (Operations),
Axel Kunz (Kommunikation) und Melanie Macholdt (Customer Experience).

Welches Problem löst ihr mit fertigungs.team?

Unsere Kunden aus der Industrie entwickeln und vertreiben innovative Hardware-Produkte. Um diese herstellen zu können, benötigen sie einzelne Komponenten oder komplett montierte Baugruppen. Dafür müssen Sie sich bisher verschiedene Lieferanten suchen oder die Supply Chain ganz oder in Teilen über ihre eigene Fertigung organisieren. Das dauert in der Regel sehr lange und erzeugt viel Aufwand. Demgegenüber stehen immer kürzere Produktlebenszyklen und die Endkundenforderung nach individualisierten Produkten. Man muss schnell produzieren und immer wieder neue Produktrevisionen liefern. Einigen produzierenden Unternehmen fällt es zunehmend schwer, dies alles marktgerecht zu realisieren.

Diese Herausforderungen lösen wir, indem wir die schnelle und effiziente Fertigung über ein Netzwerk organisieren. Die Produktdaten werden bei uns hochgeladen und wir übernehmen den gesamten Prozess bis zum fertigen Produkt. Wir unterstützen den Kunden, indem wir seinen Einkauf weitestmöglich entlasten. Wir können schnelle Lieferungen, kleine Stückzahlen und Serien realisieren, weil wir die Produktion in einem Lieferantennetzwerk ausschreiben. Damit ermöglichen wir Zugang zu vielen hochspezialisierten Herstellern, der für einzelne Unternehmen, gerade kleinere, so nicht möglich wäre. Alles läuft auf einer Online-Plattform zusammen und wird von uns organisiert. So können auch Lieferanten ihre Kapazitäten mit uns effektiv auslasten und eine breite Kundenbasis über unsere Plattform bedienen.

Was macht euer Geschäftsmodell innovativ?

Wir bilden den gesamten Fertigungsprozess für industrielle Produkte auf einer Plattform ab. Für einzelne Komponenten gibt es mittlerweile eine recht große Anzahl an Unternehmen, die den Markt durch on-demand Fertigungsangebote bedienen. Um ein komplettes Produkt herzustellen, ist jedoch die Montage verschiedener Komponenten notwendig.
Hier gehen wir den bisher noch fehlenden Schritt: wir montieren und prüfen das komplette Produkt bzw. die Baugruppe und beschaffen die einzelnen Komponenten. Für unsere Kunden bedeutet dies: das fertigungs.team qualifizieren, Baugruppendaten hochladen und ein komplett geprüftes Produkt erhalten. Somit bilden wir komplette Supply Chains ab und unsere Kunden können sich auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren.

Wie lange ist euer Produkt auf dem Markt, wer hat euch dabei geholfen?

Wir sind derzeit noch in der Entwicklungsphase, tun dies aber im Live-Betrieb mit ausgewählten Kunden. Da wir aus einem bestehenden Unternehmen heraus gegründet haben, gibt es bereits einen sehr guten Kundenstamm. Mit dessen Input wird die Plattform nah an den Kundenbedürfnissen in diese Richtung weiterentwickeln. In einem Jahr wollen wir unsere Plattform vollständig gelauncht haben und stabile Umsätze generieren.

Wie finanziert ihr euch, könnt ihr von eurer Unternehmung leben?

Seit letztem Jahr bauen wir das Unternehmen bootstrapped auf. Das finanzieren wir aus dem bestehenden Geschäft, aus dem wir heraus gründen. Um die Plattform weiterzuentwickeln, setzen wir derzeit eine erste Finanzierungsrunde auf und sind dafür in Gesprächen.

Was braucht ihr um zu skalieren?

Die Hauptaufgabe lautet: Vertrauen aufbauen! Unser Angebot ist ein komplett neuer Ansatz, wie man das Thema Fertigung denken kann. Gerade hier in Deutschland gibt es sehr lang eingespielte Lieferketten. Bei potenziellen Kunden das Vertrauen zu schaffen, dass innovative und digitalisierte Beschaffungswege funktionieren und sogar enorme Vorteile bieten, ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Wenn wir den Kunden mit den ersten Mustern überzeugt haben, sehen wir eine sehr hohe Wiederbestellrate und häufig die Auslagerung ganzer Produktgruppen in unser Fertigungsnetzwerk.

Was macht Erfurt zu einem guten Standort für euer Startup?

Der Standort ist für uns als größtenteils digitales Unternehmen nicht so entscheidend. Dennoch brauchen wir natürlich auch vor Ort top-qualifizierte MitarbeiterInnen. Vor allem, da wir auf die individuelle Betreuung unserer Kunden durch technisch versierte MitarbeiterInnen setzen. Hier in Erfurt und Umgebung gibt es viele erfahrene Menschen im Maschinen-, Fahrzeugbau und in der Elektronik.

Welchen Meilenstein habt ihr zuletzt erreicht, und was ist das nächste große Ziel?

Wir haben eine erste App online, die zeigt, wohin es mit unserer Plattform geht. Mit der assemblyApp  erstellt man standardisierte Montageanleitungen für Baugruppen oder Produkte mit dem Smartphone oder Desktop direkt am Arbeitsplatz. Fotos, Texte, Zeiten und Kosten können in einem System einfach eingepflegt werden. Diese Anleitung ist gleichzeitig die Vorlage, um ein Produkt direkt bei uns zu bestellen.

Als Nächstes wollen wir unsere webPPS Plattform fertigstellen, die von der Bestellung bis zur Auslieferung den ganzen Prozess abbildet. Schon jetzt sind wir hier fast am Ziel und testen die Plattform bereits mit einigen Kunden, um von ihnen zu lernen, was sie genau brauchen.

Zu guter Letzt, nennt eine Sache, die ihr gelernt habt, die euch noch lange begleiten wird.

Eine neue Idee umzusetzen heißt auch, sich selbst und das eigene Angebot dauernd zu hinterfragen. Einen Vergleich zu bestehenden Unternehmen gibt es nicht. Dieses stetige Wachbleiben und neu erfinden haben wir uns zur Daueraufgabe gemacht.

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