Besuch aus dem health innovation hub Berlin – Wie die Regierung die Gesundheitsbranche digitalisieren will

Quelle: hih

Im Rahmen einer Roadshow tritt der health innovation hub (hih) im Moment mit Stakeholdern sowie Akteurinnen und Akteuren in ganz Deutschland in den Austausch. Vergangene Woche war das hih-Team zu Gast im SpinLab in Leipzig um über den Entwurf des Digitale Versorgung Gesetz (DVG) zu sprechen. 

Was kommt auf Startups zu? Wie bereitet Ihr Euch am besten vor? Und was bedeutet das DVG für Zertifizierung, Marketing, Business Plan und Fundraising? Wie passen Eure Erfahrungen aus der Praxis zu den Überlegungen? Diese Fragen wurden vergangene Woche im SpinLab diskutiert. Das Team des hih war zu Gast und ist mit der lokalen Gesundheitsbranche in Austausch getreten. 60 Gäste, darunter VertreterInnen der AOK Plus, des DRK Sachsen und dem Leipzih Heart Institute (LHI), aus dem IT-Bereich, der Politik und natürlich ÄrztInnen, nutzten die Chance um sich mit dem hih zu vernetzen und über die Zukunft zu sprechen.

Außerdem wurde die sächsische Perspektive auf den Entwurf des DVG thematisiert. Fünf E-Health Startups aus Leipzig – DOCYET, AICURA Medical, eCovery, Varomo und VivoSenseMedical– gaben einen Einblick in ihre Innovationen und ihre Wahrnehmung des Themas.

Im Auftrag der Regierung für die digitale Transformation der Gesundheitsbranche

Die Digitalisierung hat in Deutschland in den meisten Branchen längst Einzug gehalten. Auch in der Gesundheitsbranche gibt es viele Innovationen, zum Einsatz kommt hier bisher allerdings nur ein Bruchteil. Grund dafür sind in erster Linie gesetzliche Hürden auf Seiten der Krankenkassen und Ärzte, die ihnen die Nutzung innovativer digitaler Prozesse erschweren. Auch PatientInnen scheuen sich noch vor den sogenannten digitalen Gesundheitsanwendungen. Häufig werden nur solche Behandlungen positiv assoziiert, die von ÄrztInnen verschrieben oder von Krankenkassen bezahlt werden.

Aus diesem Grund hat das Bundesministerium für Gesundheit Anfang des Jahres das hih ins Leben gerufen. Der health innovation hub hat die Aufgabe, die Möglichkeiten der Digitalisierung weiter auszuloten sowie Ideen und Konzepte zur Gestaltung der Versorgung und für die digitale Transformation zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen die Vernetzung der Akteure sowie die gesellschaftliche Relevanz und Akzeptanz. Bis 2025 sollen beispielsweise in den Bereichen Elektronische Patientenakte (ePA) und Digitalisierung in der Pflege digitale Prozesse deutschlandweit zum Alltag gehören.

Eine gute Grundlage hierfür liefert der neue Entwurf Digitale Versorgung Gesetz (DVG). Damit hat das Bundesministerium für Gesundheit einen Referentenentwurf für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung auf den Weg gebracht. Schon ab Januar 2020 könnten digitale Anwendungen dadurch Zugang zur Regelversorgung erhalten.

Was bedeutet das für E-Health Startups?

Zwei Abschnitte des DVG sind besonders für E-Health Startups relevant: Wenn das Gesetz in Kraft tritt, können PatientInnen sich z.B. digitale Gesundheits-Apps auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung von ihrem Arzt verschreiben lassen. Dafür wird zum Einen ein zügiger Zulassungsweg für die Hersteller geschaffen: Nach einer ersten Prüfung der Sicherheit und von Qualitätskriterien wie Datenschutz, Transparenz und Nutzerfreundlichkeit wird eine Anwendung ein Jahr lang vorläufig von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet.

Zum Anderen wächst die Rolle der Krankenkassen, da diese in Zukunft die Dienstleistungen und Software-Lösungen von E-Health Startups annehmen dürfen. Im Zuge dessen sollen PatientInnen in Zukunft natürlich schnell von solchen innovativen Versorgungsansätzen profitieren. Deshalb können sich Krankenkassen künftig sogar mit Kapital an der Entwicklung digitaler Innovationen beteiligen. Dafür dürfen sie bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven aufwenden.

Aufbruchstimmung bei den Startups

Zunächst scheint der DVG Entwurf einige Hürden für Startups aus dem Weg zu räumen. So stehen diese dann nicht länger vor dem Finanzierungsproblem, da Krankenkassen dann den PatientInnen ihre Kosten erstatten dürfen. Für Florian Bontrup (CEO DOCYTET) ist der Gesetzesentwurf deshalb eine große Erleichterung. DOCYET entwickelt einen digitalen Gesundheitslotsen in Form eines Chats, der Patienten durch das Gesundheitssystem führt. Er hilft ihnen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und medizinische Angebote lokal und digital zu finden.

„Startups in dieser Branche werden dann endlich Geld verdienen dürfen. Bisher waren wir aus finanzieller Sicht abhängig von Förderungen. Wenn das Gesetz in Kraft tritt, dann sind viele Hürden aus dem Weg geräumt. „, erklärt er im Gespräch mit Startup Mitteldeutschland.

DVG – Fluch oder Segen?

Doch auch wenn der Gesetzesentwurf verspricht, den Markteintritt für Innovationen aus der Gesundheitsbranche zu erleichtern, bringt er neue Probleme mit sich. Viele Hersteller sorgen sich um die sogenannte Medical Device Regulation (MDR). Diese  reguliert u.a. die Zertifizierung von Medizinischen Technologien. Denn diese ist für Unternehmen Voraussetzung, damit das neue Gesetz (DVG) greifen kann. Startups müssen ihre Produkte also dementsprechend zertifizieren lassen. Im Augenblick gibt es jedoch in Europa lediglich drei Stellen, die diesen langwierigen Prozess durchführen, was zu Engpässen führen wird, sobald das Gesetz in Kraft tritt.

„Ansatz und Idee hinter dem DVG sind sehr gut und richtungsweisend. Der Zertifizierungsaufwand wäre für uns als Startup jedoch auch nach Inkrafttreten des DVG weiter sehr hoch. An dem zugrundeliegenden EU-Recht (MDR) ändert der Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums nämlich leider nichts. Und dort steckt für uns ein großes Problem. Wir würden uns zusätzlich zum DVG eine Erleichterung bei der Erst-Zertifizierung wünschen“, gibt Marcus Rehwald (CEO der eCovery GmbH) zu bedenken.

eCovery will PatientInnen mittels sensorgestützter, digitaler Rehabilitation zu einer schnelleren und besseren Genesung verhelfen und entwickelt dafür eine Therapie-App, die Patienten nach Gelenkverletzungen und -erkrankungen zuhause bei der Durchführung von Übungen anleitet. Mithilfe von Sensoren, die der Patient während des Trainings am Körper trägt, gibt ihm die App Feedback zur richtigen Übungsdurchführung. Damit ermöglicht eCovery gut angeleitete und für PatientInnen sichere Übungen zuhause.

Janis Reinelt, Arzt bei AICURA medical, ist sich noch nicht sicher, inwieweit der DGV-Entwurf auch relevant für AICURA ist. Die im Entwurf genannten Kriterien gelten vor allem für solche Produkte, die von Versicherten direkt genutzt werden können. AICURA entwickelt eine Plattform, die zum einen die nahtlose Implementierung von KI-Algorithmen in klinische Arbeitsabläufe ermöglicht und zum anderen die vorhandenen medizinischen Daten in Krankenhäusern – DSGVO-konform – für die Entwicklung von KI-Algorithmen nutzbar macht.

„Wir entwickeln unsere Plattform für Krankenhäuser und Entwickler von KI-basierter Software, damit Ärzte und Mitarbeiter in der klinischen Praxis besser arbeiten können. Natürlich hat das auch einen positiven Effekt auf die Patienten. Aber ob das dem im Entwurf genannten Nutzen entspricht ist noch unklar. „

Positives Feedback für die Veranstaltung

Trotz aller Bedenken wurde die Veranstaltung im Rahmen der Roadshow und die Arbeit des hih positiv aufgenommen. Man merke dass es sich bei dem Team um Leute aus der Praxis handelt, und dass diese selbst die Probleme der Branche kennen.

Die Roadshow soll in erster Linie über den Gesetzesentwurf aufklären. Man habe das doch nicht ganz simple Thema gut zugänglich gemacht. Zusätzlich will das hih-Team mit den Unternehmen und Startups in Austausch treten. Die Startups mit denen wir gesprochen haben hatten alle das Gefühl, dass ihr Feedback wirklich gefragt ist. Heute und morgen ist das hih noch in Düsseldorf und Hamburg zu Gast. Mehr Informationen zu der Veranstaltung findet ihr hier.