6 Startups aus Mitteldeutschland, die wir 2022 im Blick behalten

(Fotos: E-Terry/Michael Rieke (o.), SURAG medical (l.), Coachwhisperer (r.))

2021 war das zweite Jahr im Schatten der Corona-Krise, doch für viele Startups in Mitteldeutschland nicht unbedingt ein enttäuschendes. Denn im letzten Jahr gab es einen regelrechten Geldregen für viele Jungunternehmen, wie ihr in unserem Überblick der 10 größten Startup Investments aus Mitteldeutschland 2021 noch einmal nachlesen könnt. Gleichzeitig haben sich viele neue Startups 2021 beim Notariat eintragen lassen. So waren es bis Oktober 2021 laut Statista 23 Startups aus Thüringen, 73 aus Sachsen und 27 aus Sachsen-Anhalt.

Einige von ihnen sind bereits auf zahlreichen Pitch- und Networkingevents in Erscheinung getreten oder schlossen bereits erfolgreich ihre Seed-Finanzierungsrunden ab. Andere dagegen halten sich noch bedeckt und warten darauf, 2022 mit Vollgas loszulegen und Investor:innen auf sich aufmerksam zu machen. In unserem Ausblick verraten wir euch, welche sechs Startups aus Mitteldeutschland ihr für 2022 im Blick behalten solltet.

1. SURAG medical GmbH (Magdeburg, Sachsen-Anhalt)

Das Gründungsquartett von SURAG Medical: Moritz Spiller (v.l.), Dr. Alfredo Illanes, Nazila Esmaeili und Thomas Sühn (Foto: Univations GmbH)

Verläuft eine Blinddarmentzündung harmlos und die anschließende Operation erfolgreich, bleiben lediglich kleine, nahezu kaum sichtbare Narben zurück. Chirurginnen und Chirurgen sprechen hierbei von minimalinvasiven Eingriffen: minimale Operationsöffnungen für minimale Verletzungen am Gewebe. Solche Operationen verlaufen aber nicht ganz risikolos. Die Sicht des/der Chirurg:in bei diesen Eingriffen ist erheblich eingeschränkt, beim Vordringen mit der Nadel bis ins Bauchrauminnere brauchen sie vor allem Tastgefühl und Erfahrung. Verfehlt die Nadel ihr Ziel, kann ein Organ oder die Hauptschlagader getroffen werden – im schlimmsten Fall mit tödlichen Folgen für die zu behandelnde Person.

SURAG medical möchte künftig das Risiko bei minimalinvasiven Eingriffen drastisch senken. Das Magdeburger Startup entwickelte einen Sensor, der selbst für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbare Töne in hilfreiches Feedback umwandelt, die im Körper verursacht werden. Sie leitet somit Ärzt:innen bei Eingriffen unter Zuhilfenahme akustischer Signale sicher durch den Körper ihrer Patient:innen. Vergleichbar sei das Prinzip mit einem Park-Assistenten beim Auto, der ebenfalls durch akustische Signale deutlich mache, wann das Fahrzeug verlangsamt oder gestoppt werden müsse, um die Kollision mit einem anderen Auto zu verhindern.

2021 trafen wir das international aufgestellte Gründungsteam auf zahlreichen Startup-Veranstaltungen, unter anderem beim Investforum Pitch-Day und beim Startup Fight Club im Rahmen der Startup Safari Sachsen-Anhalt, bei dem SURAG medical erfolgreich den ersten Platz belegte. Das Startup ist ebenso Teil des Weinberg Campus Accelerators.

An Bekanntheit gewann SURAG medical auch durch namhafte Auszeichnungen wie den IQ Innovationspreis, Science4Life Venture Cup oder durch den Hugo-Junkers-Preis.

2022 steht dem Team eine weitere arbeitsintensive Zeit bevor. So wollen sie in diesem Jahr vor allem eine erste Finanzierungsrunde erfolgreich abschließen, um das Sensor-System weiterzuentwickeln. Gleichzeitig arbeitet das Team an einem Qualitätsmanagementsystem und an der Zulassung für das Tool.

2. Coachwhisperer GmbH (Jena, Thüringen)

Der Hearable von Coachwhisperer ermöglicht als Live-Kommunikationslösung die direkte Ansprache einzelner Spieler:innen, individueller Gruppen oder des gesamten Teams. Gleichzeitig ermöglicht es das Live-Monitoring von Vitaldaten wie Herzrate, Sauerstoffsättigung, Belastungszonen und Blutdruck. (Foto: Coachwhisperer GmbH)

Könnt ihr euch noch an das EM-Spiel der Fußballnationalmannschaften Dänemark und Finnland am 12. Juni 2021 erinnern? In der 43. Spielminute kollabierte der 29-jährige dänische Stürmer Christian Eriksen aus heiterem Himmel und blieb regungslos auf dem Boden liegen. Herzstillstand. Verschiedene Herz-Untersuchungen ergaben später, dass die Herzattacke bei Eriksen durch eine zuvor nicht bekannte Herzrhythmusstörung verursacht worden ist. Der plötzliche medizinische Notfall bei Eriksen ist kein Einzelfall, denn immer wieder brechen junge Topathlet:innen scheinbar grundlos zusammen. Mögliche Ursachen gibt es viele.

Gänzlich verhindern lassen sich solche Notfälle nicht, doch können vorbeugende Maßnahmen, wie beispielsweise eine umfassende Echtzeit-Überwachung bei starker Beanspruchung des Herz-Kreislauf-Systems, getroffen werden.

Solch eine Lösung bietet Coachwhisperer aus Jena. Das Startup entwickelt derzeit die erste Live-Kommunikationslösung, welche eine individuelle Auswahl innerhalb des Teams ermöglicht. Dadurch kann der/die Trainer:in einzelne Spieler:innen, individuelle Gruppen sowie das gesamte Team auswählen und ansprechen. Die Hearables ermöglichen erstmals Live-Kommunikation und zusätzlich das Live-Monitoring von Vitaldaten wie Herzrate, Sauerstoffsättigung, Belastungszonen und Blutdruck.

2020 erhielt Coachwhisperer das EXIST-Gründerstipendium vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie.  Ein Jahr später gewann das Tech Startup mit “Getstarted2gether” den größten Thüringer Technologiewettbewerb. Am 1. April 2021 erfolgte schließlich die Gründung.

Co-Gründer Philipp Zacher trafen wir 2021 auf der Startup Safari Sachsen-Anhalt, wo er im Zuge des Startup Fight Clubs mit seiner Idee den dritten Platz belegte und das Publikum für den Publikumspreis begeistern konnte.

Aktuell befindet sich das Startup noch in der Seed-Phase. Die Entwicklung der App ist abgeschlossen und das Team bereitet mehrere Produkte für das Beta-Testing mit ausgewählten Bundesligisten für die kommenden Jahre vor. 2022 soll außerdem eine Anschlussfinanzierung erfolgen.

3. E-Terry GmbH (Weimar, Thüringen)

Der Leichtbau-Geräteträger E-Terry lässt sich flexibel für zahlreiche automatisierte Tätigkeiten im landwirtschaftlichen Betrieb einsetzen. (Foto: E-Terry GmbH)

Auch die Landwirtschaft soll zukünftig von neuen, innovativen Technologien profitieren und nachhaltiger werden. Eine bahnbrechende Technologie für das Jahr 2022 bahnt sich mit E-Terry an, ein Konzept für eine (teil)autonome mobile Trägerplattform für die Landwirtschaft. 2019 wurde bereits auf der Agritechnica ein Pre-Prototyp der Trägerplattform vorgestellt.

Der Leichtbau-Geräteträger lässt sich flexibel für automatisierte Bodenanalysen, Unkrautbekämpfung, individualisierte Düngung und automatisierte Ernte einsetzen. Durch seine Drei-Punkte-Auflage und seinen minimalen Wendekreis eignet sich E-Terry für den Einsatz auf unterschiedlichsten Böden. Das Fahrzeug kann somit indoor in Gewächshäusern oder auf schwierigem Gelände, beispielsweise in der Forstwirtschaft, eingesetzt werden.

Miteinander vernetzt sollen mehrere dieser Plattformen anfallende Arbeiten in der Pflanzenproduktion auch kollaborativ erledigen können und somit beispielsweise das Monitoring übernehmen. E-Terry unterstützt somit Landwirte auf verschiedenen Ebenen und ermöglicht durch das Monitoring minimalinvasive Eingriffe.

Aktuell steckt das Weimarer Startup noch in den Patentverhandlungen. Verlaufen diese erfolgreich, steht einem breiten, erfolgreichen Einsatz des E-Terrys in der Landwirtschaft für 2022 nichts mehr im Wege.

4. flowplace GmbH (Leipzig, Sachsen)

Das Gründer-Duo hinter flowplace und der Talentmatching-Plattform: Daniel Tröger und Mitch Senf (v.l.n.r.)
Mit flowplace wollen die beiden Gründer Daniel Tröger und Mitch Senf (v.l.n.r.) über ihre Talentmatching-Plattform künftig Mensch und Beruf in Einklang bringen. (Foto: flowplace GmbH)

Viele Unternehmen und Konzerne halten zwar noch am herkömmlichen Bewerbungsverfahren mit Anschreiben, Lebenslauf und klassischem Vorstellungsgespräch fest, längst werden jedoch vor allem in Startups neue Verfahren erprobt und eingeführt. Denn während die neue Arbeitswelt ein Umdenken in der Organisationsentwicklung erfordert, muss auch die Personalführung daran angepasst werden.

Anstatt bei der Suche nach neuen, geeigneten Mitarbeitenden auf die Eigenschaften Berufserfahrungen und Wissen zu setzen, möchte das Leipziger Startup flowplace künftig ihre Talentmatching-Plattform für die erfolgreiche Besetzung von Führungspositionen einsetzen – und setzt beim Recruiting-Prozess auf wissenschaftliche Analysen statt auf das Bauchgefühl.

Hierfür erarbeitet das Startup mit Unternehmen ein psychometrisches Rollenprofil für die zu besetzende Stelle. Im nächsten Schritt wird dann auf Grundlage eines fachlich fundierten Online-Fragebogens für jeden Bewerbenden automatisiert ein psychometrisches Persönlichkeitsprofil erstellt. Ein Algorithmus analysiert anschließend diese Profile und bewertet ihre Übereinstimmung mit dem zuvor definierten Stellenprofil. Die Ergebnisse werden anschließend auf der Talentmatching-Plattform anhand der arbeitsrelevanten Faktoren sichtbar gemacht.

Das Matching-System bringe Mensch und Beruf in Einklang, in dem es die individuellen Stärken der Bewerber:innen sichtbar mache und mit den Anforderungen eines Stellenprofils, mit dem Ziel einer bestmöglichen Übereinstimmung, abgleiche. Die Vorteile dieses menschenzentrierten Recruiting-Ansatzes erkannten auch die Investoren einer Seed-Finanzierungsrunde, die das Gründerduo erfolgreich im November 2021 abschloss. Zu den Investoren gehörten der TGFS Technologiegründerfonds Sachsen sowie der trivago-Gründer Rolf Schrömgens.

Aktuell wird der Talent Scout von mehreren Pilotkunden, ergänzend zur Personalberatung, genutzt und anhand der gewonnenen Erkenntnisse weiter optimiert. Das Seed-Investment ermögliche flowplace nun, seine Talentmatching-Plattform und die Technologie dahinter zur Marktreife zu entwickeln und vielleicht bereits 2022 erfolgreich in den Markt einzuführen.

5. DieEnergiekoppler GmbH (Dresden, Sachsen)

Das Team hinter der Energiekoppler GmbH: Gründer:in Tobias Heß, Irina Weis (v.l.n.r.) und Jens Werner (rechts).

2022 wird auch wieder ein Jahr in Zeiten der Energiewende, in der bereits jetzt innerhalb der EU über sogenannte „nachhaltige Übergangstechnologien“ diskutiert wird. Andere Player, darunter auch zwei Startups in unserem Ausblick 2022, bemühen sich um eine stärkere Beteiligung von Endverbraucher:innen am Energiemarkt durch Eigenerzeugung.

Eines von ihnen ist DieEnergiekoppler GmbH. Das Startup aus Dresden arbeitet bereits seit 2018 an der wirtschaftlichen Einbindung kleiner Energieanlagen in ein sogenanntes virtuelles Kraftwerk zur Flexibilitätsvermarktung.

Die Technologie soll nachhaltige Energieerzeugung durch standardisierte und automatisierte Flexibilitätswerke für Endverbraucher:innen profitabel gestalten. Ermöglicht werden soll dies durch die Ferndiagnose und Steuerung dezentraler Energieerzeuger, Speicher und Verbraucher kleiner Leistungsklassen.

Hierfür nutzt das Energie-Startup zwei Hauptkomponenten. Die erste ihrer Technologie, die “swarmBOX”, verarbeitet hierfür Strom-, Wärme- und Mobilitätsbedarfe im Gebäude für alle angebundenen Anlagen und prognostiziert gleichzeitig die Flexibilität des Anlagenbetriebs bereits vor Ort in der Box. Die Weiterverarbeitung erfolgt schließlich über die zweite Komponente, den “swarmHUB”. Er erfasst weitere Informationen wie zum Beispiel Energiehandels- oder Wetterdaten und nimmt eine Einsatzplanung der vernetzten Energieanlagen vor, um zur Stabilisierung der Energieversorgung beizutragen oder die Vermarktung überschüssiger Leistung zu realisieren.

Für ihre Technologie erhielten die Energiekoppler im Oktober 2021 eine Beteiligung durch den TGFS Technologiegründerfonds und die LEAG mit bis zu 15 Prozent am ihrem Startup. Die zuvor aus Eigenmitteln gewachsenen Energiekoppler brachten bereits im Januar 2021 erfolgreich ihre Technologie auf den Markt.

Als größter Energiedienstleister Ostdeutschlands initiierte die LEAG erste gemeinsame Projekte, in denen ein Zusammenwirken ihrer virtuellen Kraftwerke mit dem Flexbilitätswerk der Energiekoppler erprobt werden sollte. Inzwischen sei die Technologie bei rund 250 Anlagen erfolgreich im Einsatz.

6. Priwatt Gmbh (Leipzig, Sachsen)

Mit priwatt verfolgen die drei Gründer ihre Vision von sauberen, günstigen und einfachen Strom für alle.
Mit priwatt verfolgen die drei Gründer Niklas, Kay und Lukas (v.l.n.r.) ihre Vision von sauberer, günstiger und einfacher Stromerzeugung für alle. (Foto: priwatt GmbH)

Ein weiteres Startup, welches sich um eine stärkere Beteiligung von Endverbraucher:innen durch Eigenerzeugung am Energiemarkt bemüht, ist priwatt.

Das Leipziger Startup möchte die Energiewende in den eigenen vier Wänden vorantreiben und jedem Menschen Zugang zu eigenem, grünem und nachhaltigem Strom ermöglichen. Das Green Energy Startup hat dabei eine Zielgruppe besonders im Blick: Mieterinnen und Mieter. Mit ihren Stecker-Solaranlagen möchte priwatt sie stärker an der Energiewende beteiligen. 

Viele Hersteller bieten zwar bereits Lösungen für Privathaushalte an, im Rahmen von lokalen Photovoltaik-Lösungen eigenen grünen Strom zu erzeugen, selbst zu verbrauchen oder in das öffentliche Stromnetz einzuspeisen. Doch die Installation einer eigenen Solaranlage auf dem Hausdach ist ein kostspieliges Unterfangen. Meist lohnen sich derartige Investitionen erst nach zehn bis zwölf Jahren, bis die Anschaffungskosten wieder eingespielt sind. Für Mieterinnen und Mieter keine Option.

Um die Energiewende dennoch voranzutreiben, möchte priwatt mit seinen Balkonkraftwerken eine kostengünstigere und schlichtere Beteiligungsmöglichkeit insbesondere für Mieterinnen und Mieter schaffen.

Das Startup setzt daher auf Solaranlagen für die Steckdose. Die Stecker-Solaranlagen eignen sich für Wohnungen, die trotz ihres begrenzten Raums sonnige Standorte bieten. Das können der Balkon oder die Hausfassade sein, bei Möglichkeit auch das Hausdach oder der Garten. Über die nächstgelegene Steckdose lässt sich der Solarstrom in das Hausnetz einspeisen und für den Eigenverbrauch nutzen.

Die Anschaffungskosten sind im Vergleich zu klassischen Solaranlagen sehr gering und durch den Eigenverbrauch lässt sich die Investition für Mieterinnen und Mieter schneller refinanzieren. Der eigene Solarstrom ist günstiger als jeder Stromtarif. Eine 25-jährige Garantie soll die Langlebigkeit der Solaranlagen gewährleisten.

Langfristig möchte das Startup eine Vorreiterrolle in der Energiewende annehmen und dem Klimawandel entgegentreten. In Zukunft sollen die  Mini-Solaranlagen auf Balkone und Fassaden deutschland- und europaweit angebracht werden, sodass bald eine Million Menschen ihren eigenen grünen Strom produzieren können.

Zur unserem Ausblick 2022

Selbstverständlich haben auch wir keine Glaskugel, mit der wir in die Zukunft schauen können. Dieser Überblick listet eine kleine Auswahl an Startups aus Mitteldeutschland auf, über die wir im letzten Jahr berichtet haben und die vielversprechende Lösungen für unterschiedliche Probleme unserer Zeit entwickeln. Die Auswahl ließe sich jedoch beliebig erweitern.

Eine breite Übersicht an Startups aus Sachsen-Anhalt liefert euch der Blog webwirtschaft. Darin sind weitere Startups zu finden, von denen wir sicherlich auch 2022 hören werden und über die wir in diesem Jahr berichten wollen.

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