10 Fragen an Stadt.Land.Netz: Das Dresdner Startup will Verwaltungsprozesse verbessern

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Gerade im ländlichen Raum sinken die Bevölkerungszahlen, trotzdem sollten auch hier Behörden den gleichen Service bieten können, wie überall sonst. Sachbearbeiter haben viele Aufgaben zu meistern. Mit dem Internet bieten sich neue Möglichkeiten, um Arbeitszeit effizienter zu gestalten und Kosten einzusparen. Ende letzten Jahres wurde Stadt.Land.Netz bereits vom TGFS unterstützt. Marcus Dawidjan hat mit uns über das Startup und dessen Pläne gesprochen.

1. Wer seid ihr und was macht ihr?

Wir sind ein junges Unternehmen aus Dresden, mit dem großen Wunsch, die manuellen und teuren Prozesse in der Verwaltungslandschaft zu modernisieren. Besonders sind wir dabei im Bereich der Schülerbeförderung tätig, genauer gesagt in der freigestellten Schülerbeförderung. Der teuersten und zugleich arbeitsintensivsten Beförderungsform, in der mit Hilfe von Taxi und Kleinbus über eine Million Schüler in ganz Deutschland befördert werden. Unter anderem wird diese Form notwendig, da kein Anschluss an das ÖPNV-Netz vorliegt oder weil eine Behinderung die Nutzung des ÖPNV ausschließt.

2. Wie kam es zur Idee von Stadt.Land.Netz?

Die Idee zum ersten Produkt von Stadt.Land.Netz kam Lars Lehmann in seiner ehemaligen Tätigkeit als Teamleiter bei einem der größten Träger der Schülerbeförderung in Deutschland. Dort fielen ihm besonders der übermäßige Aufwand an wiederkehrenden und meist manuellen Vorgängen der täglichen Verwaltungsarbeit auf. Das mündete schließlich in die Entwicklung von „VIA“ und dem Einsatz bei seinem damaligen Arbeitgeber. Bei einer Unterhaltung unter Freunden erkannten Lars Lehmann und ich (Marcus A. Dawidjan) die Potentiale einer solchen Anwendung, welche sich durch einige Recherchen bestätigten und in der Gründung der SLN GmbH mündete.

3. Was macht Stadt.Land.Netz einzigartig?

Mit Stadt.Land.Netz haben wir ein Unternehmen aufgebaut, was sich trotz aller Gegenargumente in einen schwierigen Markt getraut hat. Mit VIA haben wir ein Produkt auf dem Markt gebracht, bei dem alle Beteiligten gewinnen können. Es spart Kommunen Geld, sorgt für mehr Flexibilität, erfüllende Arbeiten, steigende Servicequalität und enormen Informationsgewinn. Verkehrsunternehmen profitieren von kürzeren Bearbeitungszeiten, was schließlich in eine bessere Planbarkeit resultiert. Der Zeit- und Informationsgewinn kommt den Schulen und den Eltern zugute. Auch das Sicherheits- und Serviceempfinden wird für die Beteiligten gesteigert.

4. VIA ist euer erstes Produkt. Wie funktioniert VIA?

VIA versteht sich als Cloudanwendung für die jeweiligen Beförderungsträger. Also diejenigen, die in der Pflicht stehen, die Schülerbeförderung zu koordinieren und zu bezahlen. Laut den jeweiligen Schulgesetzen sind das alle Landkreise oder kreisfreien Städte in Deutschland. Diese haben im Durchschnitt zwischen 500 bis 1.000 Schüler im FSV, welche jeweils das 6 bis 20-fache eines im ÖPNV beförderten Schulkindes kosten. Für diese enormen Mehrkosten können die Bearbeiter nichts, denn diese sind aktuell auf Werkzeuge wie Microsoft Excel und Google Maps angewiesen und beide Anwendungen stoßen bei dieser Vielzahl an hoch individuellen Datensätzen schnell an ihr Limit. Somit ist keine optimale Routenplanung mehr möglich.

Wenn einem Schulkind die individuelle Beförderung bewilligt wird und VIA bei der Tourenplanung eingesetzt wird, muss aus dem verfügbaren Pool an Fahrten die optimale Strecke gefunden werden – „optimal“ heißt hier, dass am wenigsten Mehrkilometer verursacht werden. Darin liegt einer der größten Kostentreiber in der individuellen Beförderung. In VIA erfolgt dies automatisch über den „Touren-Finder“, der alle Touren vergleicht und bewertet. Neue Schüler können so mit wenigen Klicks verplant werden, ein Durchsuchen aller Excel-Tabellen wird überflüssig und die Gefahr unnötige Mehrkilometer wird wesentlich reduziert.

Neben solchen Neuanmeldungen finden fast täglich Änderungen in der freigestellten Schülerbeförderung statt, sodass neben der Pflege von Stammdaten eine fortlaufende Routenplanung und Rechnungskontrolle stattfindet. Natürlich gehört dazu auch die Kommunikation zwischen Verkehrsunternehmen, Schulen, Eltern und Träger . Was bisher klassisch per Telefon, Fax oder per E-Mail erledigt wurde, kann heute mithilfe individueller Zugänge über VIA als Plattform erfolgen.

5. Wie lange dauerte es von der Idee zum marktfähigen Produkt?

Da VIA ursprünglich als Arbeitserleichterung für die tägliche Arbeit von Lars Lehmann gedacht war, ist das schwierig zu beantworten. Von der ersten Version, einer Excel-Tabelle mit Makros, bis hin zum verkaufsfertigen Produkt als Serveranwendung, sind einige Jahre und viele tausend Codezeilen vergangen. Schließlich ist VIA nun schon seit über vier Jahren im produktiven Einsatz und wurde stets um die Erfahrungen aus der täglichen Arbeit verbessert.

6. Was war die wichtigste Erfahrung während der Gründung?

Wie jedes Startup hatten auch wir schwierige Zeiten, geprägt von Fehltritten, Unsicherheiten und schweren Entscheidungen. Aber wir konnten stets auf unsere innere Stimme und auf Freunde und Partner vertrauen. Mit positiven Rückhalt aus Freundeskreis und Familie lässt sich jede schwierige Situation meistern.

7. Welche Tipps hab ihr für andere Gründer?

Vertraut euch und eurer Idee, sprecht so früh wie möglich mit so vielen Leuten wie es geht und holt euch erstes Feedback vom Markt – was sagen potentielle Kunden zu eurer Idee? Würden diese für eure Dienstleistung oder euer Produkt bezahlen? Solche Insights bringen euch dem Ziel näher ein Produkt zu bauen, was der Markt braucht und hilft euch damit enorm ein wirtschaftlich funktionierendes Unternehmen zu werden.

8. Wie konntet ihr euch bislang finanzieren?

Vor der Gründung der GmbH haben wir nebenberuflich an Stadt.Land.Netz gearbeitet. Mit Gründung der GmbH haben wir auf Bootstrap gesetzt, also der Finanzierung aus eigenen Mitteln und ersten Umsätzen. Geholfen hat auch unsere zweite Selbstständigkeit, als kleine Designagentur mit großartigen Kunden. Das hat es finanziell erheblich erleichtert aber auch zu einem Fokusverlust zu Lasten von SLN geführt. Im Herbst vergangenen Jahres hat dann das Investment des Technologie Gründerfonds Sachsen den Fokus zurück auf Stadt.Land.Netz ermöglicht und damit auch die Konzentration unserer vollen Energie auf Neukundenakquise, Weiterentwicklung und den Aufbau eines großartigen Teams.

9. Wo seht ihr Stadt.Land.Netz in 3 Jahren?

In drei Jahren haben wir in vielen Kommunen smarte Lösungen platziert und sorgen damit für ein modernes Arbeiten, freie Kapazitäten und ein gesteigertes Servicelevel. Mobilität ist aktuell ein großes Thema und in drei Jahren wird es noch größer sein. Deshalb haben wir unsere aktuelle Anwendung konsequent weiterentwickelt und für vielversprechende Märkte, wie Privatschulen und Versicherungen, fit gemacht und lösen auch dort tatsächliche Probleme. Gemeinsam mit starken Partnern erschaffen wir weitere wertstiftende Anwendungen und sorgen so für die Verwaltung von morgen.

10. Was bedeutet es euch euer eigener Chef zu sein?

Sein eigener Chef zu sein ist großartig und herausfordernd zugleich. Es bringt große Freiheiten und große Verbindlichkeiten mit sich und sorgt auch für die eine oder andere schlaflose Nacht. Wir sind froh unserem Bauchgefühl gefolgt zu sein und nun an diesem Punkt zu stehen – auch wenn es an der einen oder andere Stelle herausfordernd ist, macht es großen Spaß und wir können uns nichts Anderes vorstellen.